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  • Treffpunkte
    wollte mich auf keinen Fall dem Einfluss anderer Übersetzungen aussetzen sondern offen auf die Aufgabe zugehen Die Neuübersetzung wird natürlich verglichen mit früheren Übersetzungen besonders der des Orientalisten Enno Littmann der oben schon erwähnt wurde Frau Ott bieten Sie mit Ihrer Arbeit einer Autorität die Stirn Oder Sehen Sie Ihre Arbeit in irgendeiner Weise in Konkurrenz zu Littmann Am Anfang habe ich schon weiche Knie bei dem Gedanken bekommen sich nach Littmann an eine Neuübersetzung zu wagen Aber Littmann er stützt sich auf die Calcutta II Ausgabe aus dem Jahr 1839 1842 nach einer um 1825 in Kairo geschriebenen Handschrift wird seine Gültigkeit bewahren weil sich wahrscheinlich so schnell niemand wieder an die Übersetzung dieser arabischen Vorlage machen wird Sie ist in einer stark literarisierenden Form in einem wohlgesetzten Erzählstil abgefasst während Mahdi einen flotten und lebendigen Erzählstil verwendet Littmann wird heute oft ein altväterlicher Habitus angelastet aber der liegt schon in der Vorlage selbst begründet Frau Ott auch Sie haben die Übersetzung durch viele kleine und große Entscheidungen mit einer eigenen Handschrift versehen und dadurch einen prägenden Einfluss genommen auf eine wahrscheinlich neue Generation der Geschichtensammlung in deutscher Sprache Auf welche Berater Förderer und Mithelfer konnten Sie sich bei diesem gewaltigen Unternehmen stützen Auf viele viele Berater und Helfer Gott sei Dank Um nur ein paar wenige zu nennen Von der wissenschaftlichen Seite her hat mich Prof Heinz Grotzfeld begleitet ein profunder Kenner von Tausendundeine Nacht In Kairo war es die Erfahrung der historischen Dialektforscher auf die ich mich stützen konnte Prof Nabila Ibrahim von der Cairo Universität entschlüsselte mit mir tagelang Vokabeln die kein historisches Wörterbuch mehr kennt oder Formulierungen die im heutigen Hocharabisch nicht mehr existieren Eine wichtige Begegnung in Kairo war auch die mit dem ägyptischen Schriftsteller Gamal al Ghitani der sich sehr um die Rehabilitation der Erzählungen im arabischen Raum bemüht hat Von ihm und dem was er mir von Kairo gezeigt hat habe ich wertvolle Anregungen erhalten Mein literarischer Berater war Peter Schünemann ein vom Verlag bestellter Außenlektor Und nicht zuletzt habe ich mich auf die zukünftigen Leser selbst bezogen Auf musikalischen Lesekonzerten habe ich dem Publikum einzelne Passagen vorgestellt seine Rückmeldungen habe ich im Entstehungsprozess fortlaufend einbezogen Erwähnen möchte ich auch den Deutschen Übersetzerfonds e V der mich nicht nur materiell mit einem Reise und Arbeitsstipendium unterstützte sondern auch ideell begleitete 25 Jahre lang war Muhsin Mahdi mit der Bearbeitung der Galland Handschrift 1 beschäftigt Aber auch fünf Jahre Arbeit für eine Übersetzung ist eine lange Zeit Was hat Sie an Ihre Grenzen gebracht Mahdi hat mit seiner Arbeit ein enorm wichtiges Ergebnis geliefert denn er hat alle vorhandenen wichtigen Versionen von Tausendundeine Nacht einander gegenübergestellt verglichen und ausgewertet Ich hatte selbst einmal Einsicht in die alten Handschriften Mit all den handschriftlichen Anmerkungen und Notizen bieten sie eine höchst schwierige Übersetzungslage Auf seine Vorarbeit konnte ich mich stützen Aber im Bewusstsein der Tradition in der ich mich bewegte habe ich mich wie ein Seiltänzer gefühlt Nur nicht nach unten schauen sonst kommt man

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  • Treffpunkte
    von Tausendundeine Nacht erzählt werden mit denen in der von Muhsin Mahdi edierten Galland Handschrift übereinstimmen In jedem Fall muß bei der Galland Handschrift bereits eine neue Redaktion vorliegen denn Teile ihrer Geschichten beziehen sich erkennbar auf historische Tatsachen und Persönlichkeiten der Mamlukenzeit Die Mamlukenzeit 1250 1517 gilt als eine Phase dreihundertjähriger relativer Ruhe die die Entfaltung eines regen städtischen und kulturellen Lebens förderte Bis in breite Bevölkerungsschichten reichte damals das Interesse an Literatur religiöser Gelehrsamkeit Mystik und Musik Daß wir dennoch weder die Galland Handschrift noch ihre verschollene Vorlage ja nicht einmal die von den Autoren des 10 bis 12 Jahrhunderts erwähnten Titel ebensowenig wie das Fragment des 9 Jahrhunderts als Urtext oder Original von Tausendundeine Nacht bezeichnen können hängt mit der geschilderten Entstehungsgeschichte des Werkes zusammen Die Rahmengeschichte noch viel älter als die Einzelgeschichten ist selbst das Produkt einer Übersetzung aus einer heute verschollenen persischen Vorlage die wiederum mit hoher Wahrscheinlichkeit eine indische Vorlage wiedergab All die Geschichten die Tausendundeine Nacht über die Jahrhunderte wie magnetisch angezogen hat sind anonym zusammengestellt und überliefert worden Das Werk kennt weder einen Autor noch einen Sammler oder Redaktor etwa im Unterschied zu den Märchen der Gebrüder Grimm und somit auch kein Original Als Buch ohne Autor besaß Tausendundeine Nacht auch kein festes Repertoire das heißt keinen eindeutig bestimmbaren Geschichtenbestand Über Jahrhunderte hinweg entstanden immer wieder neue unterschiedlich bestückte Versionen Manche Kopisten viele Herausgeber und fast alle Übersetzer verfolgten ihre eigene Strategie das bruchstückhaft erhaltene Werk zu vervollständigen Wie wir gesehen haben zieht sich Tausendundeine Nacht wie ein roter Faden durch die Geschichte der arabischen Literatur seit dem 8 bzw 9 Jahrhundert also fast von ihren Anfängen an Dennoch sind literarische Hinweise auf das Werk selten Es gehörte nicht zum Kanon hocharabischer Bildungsliteratur sondern war eher ein Stück triviale Literatur Volksliteratur ja Subkultur Als anonymes Werk das noch dazu frivole Passagen enthielt geriet Tausendundeine Nacht bei gebildeten arabischen Lesern in Verruf Es galt sogar als jugendgefährdend Prinzen zum Beispiel sollten es nach einer Notiz bei as Suli gest 947 nicht zu lesen bekommen Und auch der schon erwähnte Ibn an Nadim 10 Jahrhundert urteilt negativ Ich habe es verschiedene Male vollständig gesehen es ist in Wirklichkeit ein armseliges Buch mit albernen Erzählungen 6 Schnell bekam Tausendundeine Nacht den Geruch Material für Straßenerzähler geworden zu sein was seine unkontrollierte Überlieferung nur noch förderte Anders als in der arabischen Welt war Tausendundeine Nacht in den westlichen Literaturen eine beispiellose Erfolgsgeschichte beschieden Deren Ausgangspunkt bildeten Les mille et une nuit contes arabes von Antoine Galland erschienen 1704ff Gallands französische Nachdichtung zielte ganz bewußt darauf ab den Geschmack der französischen Salons des frühen 18 Jahrhunderts zu bedienen Er griff in den Text seiner ursprünglichen Vorlage der nach ihm so benannten Galland Handschrift von der unten noch im einzelnen die Rede sein wird sehr stark ein mit Neuformulierungen Ausschmückungen Straffungen des Erzählflusses durch Überspringen lästiger Gedichte und Auslassung solcher Passagen die ihm zu anstößig schienen Darüber hinaus hat das formidable Interesse auf das der 1704 veröffentlichte erste

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  • Alexandria - Verlorene Liebe
    einiges Interesse entgegengebracht und die kluge und schöne Frau dabei teilweise auch für sich vereinnahmt Hypatia von den Zeitgenossen gerühmt ob ihrer Kenntnisse und ihrer Schönheit wurde im Jahr 415 ermordet regelrecht gelyncht von einem urchristlich fundamentalistischen Mob Arnulf Zitelmann enthält sich in seinem Hypatia Roman glücklicherweise jeglicher Vereinnahmungen Er will Hypatia weder verklären als Streiterin für die aufgeklärten Wissenschaften noch sie zu einer Galionsfigur des Feminismus machen Als bewährter Verfasser von Biographien spürt er vielmehr den Strömungen und Stimmungen der damaligen Zeit nach versucht den Umbruch wiederzugeben der hier sich ereignete durch den Wechsel vom Götterkult zur Anbetung des einen Gottes durch die Verschiebung der Prioritäten vom Wissen zum Glauben Zitelmann zeigt auf wie das machtbewusste Patriarchat seine Interpretation christlichen Glaubens erbarmungslos gegen Andere durchsetzte Der Fall Hypatia als Kollateralschaden Wie jedes gute Jugendbuch ist dieser Roman auch für den erwachsenen Leser eine lohnende Lektüre Auch Peter O Chotjewitz hat sich auf die Suche nach der Wahrheit über die schöne Philosophin gemacht Seinem Buch Der Fall Hypatia hat er recht treffend den Untertitel Eine Verfolgung gegeben Tatsächlich ist der Autor seinem Sujet mit Verve Wissenshunger und geradezu kriminalistischer Beharrlichkeit auf der Spur in Bibliotheken und natürlich in Alexandria selbst Wer war diese Frau Sagen die Beschreibungen und Schilderungen nicht mehr über den Beschreibenden aus als über die Beschriebene In welchem geistigen und macht politischen Umfeld bewegte sich die Philosophin Worüber hat sie eigentlich philosophiert Und natürlich immer wieder die Frage nach ihrem Tod Eine kluge hoch gebildete Frau buchstäblich in Stücke gerissen von einer aufgebrachten Menge Von allen Seiten umkreist Chotjewitz die zentrale Frage Wie konnte es dazu kommen Mit großer Akribie prüft der Autor das bislang Gesagte und Geschriebene Keine Quelle die nicht zu hinterfragen wäre kein Berichterstatter der nicht auf die Beweggründe seiner Schilderung hin überprüft würde Mit einer gewissen Süffisanz legt Chotjewitz historische Schichten frei zeigt Machtverhältnisse und geistige Strömungen schildert den erbitterten Streit um die Vorherrschaft auch in philosophischen oder religiösen Fragen Dass aus dem suchenden Autor dem Verfolger letztlich ein Verfolgter wird ist mehr als nur eine gelungene Pointe Das Gefühl in einem Spiel mitzuspielen dessen Regeln er nicht kennt befällt den Orientreisenden häufiger Geheimnisvoll scheinen ihm die Menschen die er trifft ein bisschen verschlagen nach außen von fast unterwürfiger Freundlichkeit aber letztlich unergründbar Hier ist der Orient wieder so dargestellt wie ihn westliche Betrachter klischeehaft exotistisch oft wahrgenommen haben und noch wahrnehmen Ägypten folgt seinen eigenen Spielregeln und so mancher wurde davon schon in die Flucht geschlagen Ein hübsches und gelehrtes Gedankenspiel unternimmt der französische Astrophysiker Jean Pierre Luminet in seinem Buch Alexandria 642 Im eben diesem Jahr 642 hat der arabische Feldherr Amr Ibn al As die blühende Metropole am Mittelmeer erobert eine Stadt mit 4000 Palästen 4000 Bädern und 400 Theatern wie er seinem Dienstherrn dem Kalifen Omar pflichtbewusst meldet In einer fiktiven Szenerie lässt Luminet nun den Feldherrn Amr auf drei Beschützer der Großen Bibliothek treffen die kluge Hypatia den alten Philosophen Philoponos und den jüdischen Arzt Rhazes Noch ist

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  • Koptische Stürme von Anette Vonberg
    Landleute Gültigkeit Jasmin Ohne daß ich sprach füllten meine Worte sich mit seinem Duft Allein stand ich nachts beim Jasmin meine Augen schimmerten vom Weiß seiner Blüten Gecko Kleiner Körper fast durchsichtig Er verdichtet sich erst da wo er in die Augem mündet versteinernden Blickes eine Drehung im Kaleidoskop der Welt und die Fliege ist im Maul Granatapfel Im Sturm der Zeit gedrehte Frucht reif wenn der Sommer sich neigt ich pflücke sie dir lege sie in deine Hand Fühle wie schwer und sieh was sich da alles in die Schale gezeichnet hat auch die Worte die ich zu mir selber sprach unterm Granatapfelbaum kleine Wunden mit ein wenig Schorf leicht für deine Finger zu verstehen Olivenbäume Chor langsamer Bäume in die Weite der Landschaft gestellt sie gliedernd in Wildnis und Hain Eines langmutigeren Blickes bedürfte es als Menschen vermögen den Gesten zu folgen mit denen diese Bäume sich dem Himmel entgegenheben bei ihrem Wechselgespräch mit Sonne Regen und Grund So muß wer es will dem silbergrünen Rascheln der Blätter lauschen muß seine Hände auf die Verkrümmungen der Äste in die Risse des Stammes legen muß die Bitterkeit der Früchte schmecken bevor er sie pflückt und kundig bereitet und das

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  • Günter Langenberg
    Reykjavik und Osaka geführt haben Seit Juli 2000 lebt Günter Langenberg mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen in Kairo Harald Bast Musiklehrer an der Deutschen Schule der Borromäerinnen DSB hatte zur Stimmung der Gedichte jeweils die passende Pianomusik ausgewählt meist heiter mitunter aber auch besinnlich Klassische Klavierstücke und insgesamt 31 Gedichte wechselten sich auf unterhaltsame Weise ab Rund 80 Gäste aus der deutschsprachigen Community genossen den sehr kurzweiligen Abend im Rumpelsaal der viel Raum für kulturelle Veranstaltungen dieser Art bietet Im Mai oder Juni 2003 wird voraussichtlich Langenbergs Gedichtband Wie ging der Mops wohl hops Tierisches querbeet erscheinen im R G Fischer Verlag Frankfurt Main Die 113 Gedichte beschreiben ein märchenhaftes manchmal mystisches Miteinander von Menschen und Tieren und pointieren ein sehr amüsantes Tierleben PAPYRUS freut sich Ihnen in dieser Ausgabe zwei Gedichte von Günter Langenberg vorstellen zu dürfen Fortsetzung folgt Eigenlob In dem Kaffeehaus Truc de Mer da sitzt ein alter Araber Dem schmeckt der starke Mokka sehr Drum trinkt er jetzt sein Tässchen leer bestellt vom Mokka gleich noch mehr und schaut vergnüglich hin und her Nun schaut er auch mal her und hin denn das macht manchmal durchaus Sinn Er kratzt sich ungestört am Kinn und sagt sich Gut dass ich so bin wie ich so bin Ein Hochgewinn für die Gesellschaft hier schlechthin Oh Pharao oh Pharao Ägyptens großer Pharao der reiste oft inkognito von Kairo aus nach anderswo Gehüllt in einen Kimono vom Shoppingtrip in Tokio fuhr er mit einem Kabrio von Genua nach Gütersloh Im kleinen Bistro Cembalo bestellte er nen Pikkolo Den fand er gänzlich comme il faut Der machte ihn so lebensfroh und steigerte die Libido Der Barchef heute im Trikot hielt ihn für einen Gigolo weil er ein Girl aus Idaho so einfach coram publico und ohne langes Pipapo verleitete

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  • Buchbesprechung Die Landkarte der Liebe
    stellt sondern beides ineinander verwebt und so ein hybrides Gebilde entstehen lässt Ein solcher Text liegt vor mit dem Roman von Ahdaf Soueif Die ägyptische Autorin Ahdaf Soueif schreibt auf Englisch der Roman liegt auch in einer arabischen Übersetzung vor die im Jahr 2000 erschienen ist Der Titel ist wörtlich übertragen das gilt auch für die 2001 erschienene deutsche Übersetzung Die Landkarte der Liebe Der Titel ist beziehungsreich spiegelt er doch die geographische politische wie romantische Dimension der Geschichte wieder die in diesem Roman dargestellt wird Und Geschichte ist hier in beiden Bedeutungen zu verstehen einmal als Geschichte einer Liebe zwischen einer Engländerin und einem Ägypter zu Beginn des 20 Jahrhunderts zum anderen als die jüngere Geschichte Ägyptens die vom oft schmerzlichen und blutigen Umgang mit dem Fremden geprägt ist Die Fremdheit der Anschauungen anderer wird dabei von der Autorin auf mehreren Ebenen verdeutlicht einmal anhand von Figuren eines Künstler und Intellektuellenzirkels im heutigen Kairo an deren kontroversen Diskussionen zur gegenwärtigen Politik zur wirtschaftlichen Entwicklung und zum Einfluss islamistischer Gedankeninhalte die Hauptfigur Amal teilnimmt Zum anderen und hauptsächlich durch die Aufarbeitung der Familiengeschichte Amals die sich mehr und mehr zur Aufarbeitung der jüngsten Geschichte Ägyptens in der Endphase des Kolonialismus auswächst Und zum Dritten durch die persönlich emotionale Verstrickung der Familie wie auch der Hauptfigur selbst in die transkulturellen Konflikte zwischen traditionellen und so genannten fortschrittlichen Mentalitäten wie sie sich nicht nur zwischen Ägypten und England Anfang des 20 Jahrhunderts ereignen sondern wie sie auch die gegenwärtige ägyptische Gesellschaft prägen Neben der inhaltlichen Gestaltung trägt die multiperspektivische Struktur des Romans dazu bei das Selbst am fremden Ort in seiner Heterogenität zu entwerfen In vielfachen Brechungen und aus wechselnder Perspektive wird die Geschichte der beiden Liebenden Anna und Sharif anhand von überlieferten Papieren Tagebüchern und öffentlichen Dokumenten rekonstruiert Die in weiten Teilen des Romans erzählende Figur Amal tritt dabei zeitweise in den Hintergrund und lässt die junge Anna in ihren Tagebüchern und Briefen nach England von ihrem Leben im fremden Kairo Anfang des 20 Jahrhunderts berichten Die zunehmende Identifizierung Amals mit Anna gründet auf den eigenen Erfahrungen in der Gegenwart Amal ist nach langen Jahren in England nach Kairo zurückgekehrt und findet in den Beschreibungen Annas eher ihre Heimat wieder als im gegenwärtigen Kairo Ich finde nicht dass ich in einer Zeitkapsel lebe aber ich gestehe dass es mir leichter fällt mit den Ereignissen von vor hundert Jahren umzugehen als mit den Umständen unter denen wir heute leben Und wenn ich meine Gedanken zurückwandern lasse wandern sie zu Anna 210 Nur in Andeutungen verweist die Hauptfigur Amal auf ihre verlorenen Illusionen eines glücklichen Lebens fern der Heimat in England das einmal zur zweiten Heimat zu werden versprach Die Rückkehr ins Eigene nach Ägypten nach Kairo ist aber zunächst ebenso wenig eine Rückkehr in Heimat Amal fühlt sich in ihrem Land nicht mehr zu Hause hat Mühe dort anzuknüpfen wo die Zeit unauslöschliche Veränderungen vorgenommen hat Heimat entdeckt Amal fortan in der Rekonstruktion einer Geschichte der Geschichte von Anna und Sharif und

    Original URL path: http://papyrus-magazin.de/archiv/2002_2003/januar/1_2_2003_landkartederliebe.html (2016-04-25)
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  • Literaturtipps zum Islam
    Die Anspielung des Titels auf Naguib Mahfouz führt in diesem 1998 entstandenen und 2001 in Deutsch erschienenen 288 seitigen Buch etwas in die Irre geht es doch um die Jugend des modernen Ägypten Luyendijk gelingt es seine intensiven Begegnungen mit ägyptischen Student innen jeglicher politischer Couleur und Weltanschauung in einem spannenden Text zu verarbeiten Er spricht mit ihnen über die Liebe den Islam den Westen Sex Demokratie und den Sinn des Lebens und lernt dabei so geht es auch dem Leser die eigenen Auffassungen in ihrer scheinbaren Selbstverständlichkeit zu hinterfragen Muslime in Deutschland Heute sind Muslime auch Teil der westeuropäischen Gesellschaft Doch ihre Präsenz im deutschen öffentlichen Raum ist nicht selbstverständlich Thomas Hartmann und Margit Krannich haben 2001 eine 128 seitige Publikation Muslime im säkularen Rechtsstaat neue Akteure in Kultur und Politik herausgegeben Die Diskussionsbeiträge sind Ergebnis einer Veranstaltungsreihe der Heinrich Böll Stiftung Im Januar 2002 ist das 1998 erstmals aufgelegte Buch Muslime in Deutschland Infor mationen und Klärungen von Ursula Spuler Stegemann als aktualisierte Neuausgabe beim Herder Verlag erschienen ISBN 3 451 05245 8 Die Publikation gilt als eines der fundiertesten Werke über Muslime in Deutschland Die Neuauflage war in der gegenwärtigen Situation nach dem 11 September mit Spannung erwartet worden Denn Spuler Stegemann Professorin an der Universität Marburg nimmt ohne Scheuklappen die ganze Vielzahl muslimischer Organisationen in Deutschland unter die Lupe von den großen islamischen Verbänden bis zu kleinen radikalen Splittergruppen Nach der weltpolitischen Zäsur der Anschläge und des folgenden Afghanistankrieges schafft das Buch eine wichtige Voraussetzung für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Islam Die 380seitige Publikation kostet 14 90 Euro Bei Inter Nationes ist Ende 2000 ein vom Islamwissenschaftler Uli Piest herausgegebenes Buch Muslimisches Leben in Deutschland erschienen Auf 96 Seiten beschreiben Udo Steinbach und andere AutorInnen verschiedene Facetten des Lebens von Muslimen in der deutschen Diaspora Themenschwerpunkte sind Jugendliche Alltagswelten und veränderte Perspektiven von Muslimen in der Einwanderungsgesellschaft Die Publikation ist vor allem für eine an Deutschland interessierte Leserschaft im Ausland gedacht daher ist sie wie auch eine türkische Übersetzung kostenlos erhältlich über www inter nationes de Das Wirtschafts und sozialpolitische Forschungs und Beratungszentrum der Friedrich Ebert Stiftung FES hat 2001 eine Expertise von Thomas Lemmen und Melanie Miehl zum Thema Islamisches Alltagsleben in Deutschland ISBN 3 86077 886 2 herausgegeben Hintergrund der Publikation sind Fragen wie sich einerseits das Selbstverständnis der Muslime in westeuropäischen Einwanderungsgesellschaften entwickeln wird und andererseits wie es ihnen gelingt islamische Normen und Wertvorstellungen in Einklang zu bringen mit einer westlichen sehr stark säkularisierten modernen Gesellschaftsordnung Die Expertise gibt zunächst einen Einblick in die Grundzüge des Islam seine rituellen Besonderheiten und die unterschiedlichen Formen der praktizierten Religionsausübung Vor diesem Hintergrund werden die vielfältigen Konflikte erklärt und analysiert die sich im Alltagsleben von Muslimen in der deutschen Gesellschaft ergeben Bezug Wirtschafts und sozialpolitisches Forschungs und Beratungszentrum der Friedrich Ebert Stiftung Abteilung Arbeit und Sozialpolitik 53170 Bonn www fes de Mit dem Islam in Deutschland allerdings mit starkem Akzent auf türkischen Muslimen befassen sich auch Faruk Sen und Hayrettin Aydin in einer mit 127

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  • Kairo-Bild in Literatur der Gegenwart
    Ausweichmanöver vermieden werden konnten wobei mir auffiel daß immer ich es war der ausweichen mußte während die Einheimischen als wäre ich Luft nie auswichen und Platz machten ein Verhalten das ich als späten Rachereflex auf jene Zeiten deutete als sich die europäischen Herren worunter gewiß auch mein Heinrich den Weg durch die Einheimischen mit Stockhieben bahnten ÄH 12 f Heinrich der ägyptische Heinrich ist der seinerzeit nach Ägypten entschwundene Ururgroßvater des Erzählers dessen Spuren dieser aufzufinden sich vorgenommen hat Nur ein Teil des Romans spielt in Kairo und Ägypten der andere meist zeitlich weit zurückgreifend in der Schweiz Das Interesse am Schicksal des Ururgroßvaters Heinrich erfasst den Erzähler schon als Jungen den das im Haus seiner Großmutter an der Wand hängende Öl Portrait von Heinrich schon immer an einen bedeutenden Vorfahren glauben ließ vor allem nachdem ihm die Großmutter die Geschichte seiner maßgeblichen Beteiligung am Bau des Suezkanals erzählt Jedoch die ägyptischen Großtaten von Heinrich erweisen sich am Ende als Übertreibung Die Entkleidung eines biographischen Mythos der die Geschichte vorantreibt ist dabei vernetzt mit der Entmythisierung eines Ägypten wie es als archäologisch bestimmtes Bild in den Köpfen der Leser verankert sein mag Markus Werner betreibt eine Archäologie mit Sprache die nicht das Vergangene sondern ganz Gegenwärtiges zu Tage fördert Illusionen als solche im Tageslicht erkennbar macht Damit verfolgt er ein literarisches Programm in dem die Referenz auf Kairo und Ägypten die auf eine äußere Wirklichkeit ist hinter der und durch die die innere Wirklichkeit als Weltmodell sichtbar wird Kairo die Fremde wird zum Ort der Suche nach den eigenen Ursprüngen des Erzählers Die Rückkehr in die Vergangenheit bedeutet nicht nur eine Hinwendung zum Eigenen sondern auch zum Eigentlichen Wesentlichen und ist damit einer Verlusterfahrung entsprungen die mit der archäologischen Grabung nach der Biographie des Vorfahren und mit der Reise nach Ägypten Kompensation erfahren soll Den Versuch das Gegenwärtige mit dem Vergangenen zu vereinen wenn auch auf teilweise schmerzliche Weise schildert der Erzähler in einer Episode die die Abwendung vom allzu Gegenwärtigen das zur Fremde geworden ist mit den Augen des Vorfahren Heinrich sehen lässt der aus zeitlicher wie räumlicher Ferne in die gegenwärtige Schweiz zurückgekehrt ist Ich merkte bei jedem Schritt Fast nichts von dem was ich sinnlich wahrnahm was mich umgab und prägte ob ich es guthieß oder verwarf hatte Heinrich gekannt fast nichts von dem was ich wußte und an Zusammenhängen zu verstehen glaubte gewußt und verstanden Nur dreiundvierzig Jahre vor meiner Geburt ist er gestorben und stünde doch schon dachte ich als zitternder Fremdling im Heute als sprach und kompaßloser Idiot Ich will ihn dachte ich schnell an der Schulter berühren und ihm etwas Linderndes anvertrauen Glaub mir im Grunde fühlen wir uns ähnlich wir Gegenwärtigen und sind von ein paar Wichtigtuern abgesehen so belämmert wie du Wie können wir heimisch sein in einem Raum der stündlich ausgeräumt und frisch gestrichen und wieder neu möbliert wird Auch wir sind überfordert lieber Heinrich auch uns verschlägt die Welt die Sprache die wir so dringend brauchten um sie beschreibend entwirren zu können was sagst du dazu ÄH 86 f Der Raum als Erfahrungsrahmen des Eigenen wird hier bildlich als Raum in dem kein Zuhause mehr möglich ist Dabei sind in diesem Raumbild beide Dimensionen enthalten die der Zeit aus der der Erzähler in die Vergangenheit entflieht und die des konkreten dreidimensionalen Raumes dem er in Richtung Ägypten entkommt Die ironische oft witzige Kritik des Gegenwärtigen nimmt in dieser kleinen Episode in der Folge konkrete Gestalt an und wird zur umfassenden Zivilisationskritik am Beispiel von Werbung Kleidung Mobiltelefonen und dem mechanischen Verharren an roten Ampeln bei leeren Straßen Der Versuch der Entwirrung der Welt durch Sprache gelingt diesem Roman durch die Kontrastierung mit Erlebnissen in Kairo die die sympathisierende Nachsicht des Erzählers gegenüber dem schleppenden Gang der Dinge gegenüber mangelhaften hygienischen Zuständen und anderem verstehbar machen Während der stundenlangen Suche nach Dokumenten über Heinrich im Nationalarchiv in Kairo bei der alle Erwartungen und Versprechungen enttäuscht werden zieht der Erzähler ein von Bewunderung wie Sarkasmus nicht ganz freies Fazit Im Flur vertrat ich mir die starren Beine und auf der Toilette rauchte ich Benutzen konnte ich sie nicht sie war verstopft Niemand ließ sich zur Tätigkeit verleiten von einem Notstand nicht und nicht von einem Übelstand Allah wird es schon schaukeln Im Herzen im Kopf sogar bewunderte ich diese Haltung im Hinblick auf mein Forschungsziel sowie im Angesicht der WC Schüssel hatte ich Bedenken ÄH 57 Mag man diese Art der zweischneidigen Darstellung noch als ironische Kritik an den Zuständen des fremden Landes verstehen so ist sie doch auch Reflex einer Verlusterfahrung die jedoch nicht als Ganzes sondern immer nur in Teilbereichen zu kompensieren ist Die Toilette müsste dann schon in Ordnung sein aber wäre es das was man als Vorteil der eigenen Zivilisation anpreisen könnte In einer Situation wo der Erzähler nach diesen Vorteilen sucht bleibt er am Ende ratlos trotz der guten Absicht einer Gruppe von Schulmädchen über ihre stereotypen Schweiz Vorstellungen zu helfen Wie zu erwarten war kam ich für sie aus einem Paradies gefüllt mit Schnee und Schokolade Geld und Käse Als ich erklärte daß dieses Bild nicht unbedingt die ganze Wirklichkeit einfange hakte eine Mandeläugige nach und fragte nach der ganzen Wirklichkeit Peinlicherweise fiel mir zu dieser nichts ein Ich schaute mit gespieltem Schreck auf meine Uhr entschuldigte mich und entfloh ÄH 97 Die ganze Wirklichkeit einzufangen ist das Ziel des Erzählens doch sie kann nur gelingen über das archäologische Ausgraben Fast trotzig beharrt der erzählende Archäologe während der Suche nach der ganzen Wirklichkeit auf seinen Teilfunden die unverkennbar von Triumph begleitet sind Am Schalter der Station von der aus die Busse nach Suez starten kaufte ich eine Fahrkarte die der Fahrer als ich einstieg genau kontrollierte Kurz nach der Abfahrt erhob sich der Beifahrer ging von Sitzreihe zu Sitzreihe und kontrollierte die Karten genau Nach einer halben Stunde hielt der Bus an und es stiegen zwei Männer zu die die Aufgabe hatten die Karten genau zu kontrollieren Befriedigt stellte ich fest daß die hysterische Botschaft der Effizienz noch nicht hierher gedrungen war und daß der Bus sich trotzdem bewegte ÄH 99 Das genaue Kontrollieren der Karten wird hier in einer Sprache wiedergegeben die jeder der einzelnen Kontrollhandlungen ihre Selbstverständlichkeit und Eigenständigkeit belässt Die ironische Wirkung ergibt sich aus der kunstvollen sprachlichen Antinomie von Lakonik und Wiederholung die nicht denunziert sondern den Erzähler lustvoll bestätigen lässt dass es mit der eigenen bezeichnenderweise hysterisch genannten Botschaft der Effizienz die er in seine Gegenwartskritik einschließt nicht weit her ist Zeitliche und räumliche Ferne werden nicht einfach als kompensatorische Kräfte der Verlusterfahrung in Eins gesetzt sondern bleiben durchaus ambivalent Der Macht des Gegenwärtigen ist nicht zu entkommen auch nicht in Ägypten Die ganze Wirklichkeit bleibt uneinholbar nur bruchstückhaft kann sie erfasst werden Die archäologische Symbolik prägt die gesamte Erzählstruktur des Romans die Vergangenes mit Gegenwärtigem Ferne und Fremde mit Eigenem korreliert und die Bruchränder hier und da als sich ineinander fügend entdeckt Selten oder nie aber ergeben die gefundenen Scherben zusammengesetzt ein gültiges Ganzes Und so bleibt auch der Erzähler der die Biographie seines Ururgroßvaters nicht lückenlos erschließen kann weiterhin auf der Suche nach sich selbst die ihm das Wandern in Raum und Zeit bedeutet Silvio Blatter Wassermann 1986 Die Dimensionen von Zeit und Raum bestimmen auch den Roman von Silvio Blatter sowohl im Inhalt wie in der Erzählstruktur ähnlich und doch auf andere Weise als bei Markus Werner Die Suche nach der Wirklichkeit immer wieder überlagert von all zu krasser Realität vollzieht sich in diesem in zwei getrennten Handlungssträngen verlaufenden Roman sowohl in Zürich wie in Kairo und nur ganz hintergründig sind beide Teile miteinander verknüpft Die Verbindungslinie in der äußeren Wirklichkeit ist der Fluss hier der Nil dort die Reuss Zwei Lebensmöglichkeiten zwei Entwürfe stehen einander gegenüber und ergänzen sich gegenseitig auf der Suche nach dem was das Selbst sein könnte und auf der Suche nach den Momenten an denen es sich findet Silvio Blatter spielt in seinem Roman auch mit der Fiktionalität von Realität die nicht nur im Schreiben und Erzählen sich entwirft sondern in die Erfahrung des erzählenden Selbst eindringt und das Erlebte als eine Möglichkeit unter vielen bewusst macht So ist auch hier das durch Sprache erschaffene Kairo nicht ein Abbild seiner Materialität in der ganzen Wirklichkeit sondern ähnlich wie bei Markus Werner bewusstes Wahrnehmen von Bruchstücken einer Realität unter der die Wahrheit verborgen ist Manche Erfahrungen erhärten den Verdacht die Realität webe einen Teppich auf dem man gehen kann Die Wirklichkeit liegt allerdings darunter Wir wischen die Wahrheit gern unter den Teppich das ist die Wirklichkeit In Kairo hat der Teppich erheblich mehr Löcher als in Zürich oder Frankfurt und es fehlen zum Glück die Mittel sie zu stopfen In Kairo wohnen auch nicht so viele Menschen die ihr Leben als eine Abfolge von Problemen betrachten die sie unbedingt lösen müssen Diese weit verbreitete ich will jetzt einmal behaupten Nördliche Lebensweise behindert natürlich die Lebensfreude ganz empfindlich Wer sie langfristig befolgt dessen Blut wird toxisch W 378 Kairo ein Teppich auf dem sich schlechter laufen aber besser leben lässt Die Mittel die fehlen um die Illusion über eine ganze Wirklichkeit zu erhalten wie in Zürich oder Frankfurt also im vertrauten Erfahrungsraum fehlen hier zum Glück und lassen also dieses Glück näher rücken Der Verlust von Lebensglück im Eigenen ist so scheint es zumindest auch hier Anlass zur Suche nach dem Wahren dem Ganzen im Fremden das dort weniger verborgen scheint als unter dem Illusionsteppich des nördlichen Gegenwärtigen Die Löcher im Teppich geben allerdings den Blick frei auf Ausschnitte nur die nicht mehr sind als eine Annäherung an die Wirklichkeit Alle laufenden Kofferradios zusammen das ist Kairo ein zur Soundmaschine umgebauter Neutronenbeschleuniger Widerspruch und Lebensirrweg das ist Kairo W 379 Die sprachlich kompakten selektiven und doch auf Ganzheit zielenden Definitionsversuche scheitern an den ungenügenden Verweismöglichkeiten von Sprache und offenbaren das Unvollständige jeder Erfahrung deutlicher als es das bewusste Reflektieren des Ausschnittcharakters aller Wirklichkeit vermag Falls ich diese Frau sage und ihr Gesicht beschreibe muss ich tausend andere übersehen oder mitbeschreiben in dem einen Gesicht das für alle Gesichter steht Seide könnte ich sagen die Lumpen nicht beachten Palast könnte ich sagen die Ruinen übersehen Ich könnte Idyllen zeichnen Nischen geheimnisvolle Balkone wundervolle Augen ja Augen beschreiben ich käme an kein Ende mit dem Augenbeschreiben fliegenbesetzte strahlende umgedrehte nur Augenweiß gelbliches Augenweiß Ich liebe diese Stadt eine grausame Stadt weiß ich in der Hitze Staub im Mund ausgetrocknet der Mund spüre ich Sand in den Augenbrauen erfühle diese schreckliche Stadt brennende Fußsohlen dieses Stadtungeheuer verschlagen und prächtig geblendet tappe ich denke mit geschlossenen Augen eine Bilderfülle im Kopf schreite ich verstohlen glücklich die Menschen zertreten Kairo zu Staub Kairo verleibt sich die Menschen ein einverleibt bewege ich mich eine bizarre Menschenverdauungsmaschine ist Kairo schön unsagbar schön auf Sand gebaut am Fluss des Lebens W 380 Bestimmt die bewusste und damit selektierende Sprachverwendung die sich im Sagen im Zeichnen im Beschreiben äußert den Rhythmus am Anfang so weist der zweite Teil dieser Passage auf das Ungenügen einer deiktisch beschreibenden Erzählweise hin und kehrt zum Fühlen und Spüren zurück Das Sehen ist nun ausgeblendet der Erzähler regelrecht geblendet nicht nur nicht mehr sehen will er sondern glücklich untergehen in diesem Leib Kairo dessen fließendes Sich Verändern hier gleich zweifach gespiegelt ist in den Formulierungen auf Sand gebaut und Fluss des Lebens Der stetige Fluss der Veränderung und Vergänglichkeit ist es der sich nicht festhalten oder auch nur beschreiben ließe es sei denn wenn auch als Versuch nur in dieser selbst fließenden Sprache die Zeit und Raum zu überbrücken sucht An anderer Stelle gerät dieses Verfahren des Sehens und Erzählens zu einer ausdrücklichen Verknüpfung von Zeit und Raum über die Grenzen des in der äußeren Wirklichkeit Erfahrbaren hinweg und ebenso die Grenzen zwischen Eigenem und Fremdem aufhebend Es geschieht nichts es geschieht seit Jahrhunderten dasselbe Frauen die Last auf dem Kopf Männer die Last auf den Schultern Tiere die Last auf dem Rücken Unter diesem blauen Himmel der auch weh tut auf Rücken Schultern und Kopf Die Hitze zwingt einen unangenehm bewußt zu atmen Verharrte die Feluka an Ort zöge das Landleben vorbei die Feldarbeit es wäre wie ein Bilderbogen Hassan Ali liest aus Gottfried Kellers Werken vor so wäre das W 338 Wirklichkeit Zeit und Raum verschwimmen dem Erzähler während seiner Reise über den Nil wie bei seinem rastlosen Wandern durch die Megastadt Kairo Er verliert sich in dem Moloch und doch findet er sich momentweise immer wieder selbst Bei seinen Streifzügen durch Kairo und seinen damit verbundenen Beobachtungen stellt sich der Erzähler immer wieder die Frage Ist das die Wirklichkeit W 276 oft nur rhetorisch ohne Fragezeichen Gleichzeitig beschreibt er diese Wirklichkeit als eine in der Zeit die aber für das Ganze die ganze Wirklichkeit ohne Bedeutung scheint Sie die Bedeutung entsteht erst in und mit Sprache Hier in Kairo S St bilden alle zusammen das harte Präsens des Alltags den ewigen Zustand und jeder kursiert darin als einzelnes Partikel des Imperfekts ersetzbar also sterblich W 277 Kairo ist der Ort der die Zeit vergessen macht und sie zugleich rafft beschleunigt Das harte Präsens ist per se zeitlos ebenso ist es die Ewigkeit der ewige Zustand Die Antinomie ist nur scheinbar eine solche nur wenn sich das Jetzt und das Ewige gleichen machen die Bezüge zur eigenen Wirklichkeit im Anderen Sinn nur dann sind die Grenzen von Zeit und Raum überschreitbar Dabei spielt das literarische Konzept einer solchen Welterfahrung und Weltdarstellung in eins mit dem was ich die Fiktionalität der Wirklichkeit nannte die immer nur in Ausschnitten zu finden und zu beschreiben ist und deshalb eine Wirklichkeit unter der äußeren bleiben muss durch sie verschattet hinter ihr verborgen Die innere Wirklichkeit der Zeitlosigkeit literarisches Programm dieses Romans über den Wassermann der sich dem Fließen der Flüsse und des Lebens hingibt spiegelt sich sowohl in den zahlreichen Bezügen zu den vergangenen Zuständen in der literarisch erschaffenen Schweiz Kellers wie in den Mythologien des alten Ägypten Letztere inspirieren den Erzähler der als Trainer der ägyptischen Fußballmannschaft von seinen Leuten Seef genannt wird zum Weiterfabulieren und Umdichten In der Geschichte von Isis und Osiris entdeckt er die Wirklichkeit einer Zeit die nicht vergangen ist sondern nun unter der Oberfläche durchaus weiterbesteht und sei es in der Gestalt seines besten Tormannes der seinen Gegner besiegt wie der altägyptische Gott Horus seinen Gegenspieler Seth ausgestattet mit einer deutlich sichtbaren erigierten Männlichkeit die den Sieger von vornherein auszeichnet Das erigierte Glied ist das Zeichen von Lebenskraft und Macht Macht nicht nur über andere sondern vor allem Macht über die Zeit Und so fühlt sich der Erzähler ein Mann in den mittleren Jahren unter dem Himmel Afrikas unter der ägyptischen Sonne in fabelhafter Verfassung noch nie hat Seef sich so blendend gefühlt nicht einmal als ganz junger Mann W 246 Die Erotisierung der Fremde ist auch hier Programm Das Selbst erfährt sich neu scheint seinem Ziel dem pulsierenden Leben im Augenblick näher zu kommen in der Fremde die immer mehr ins Eigene reicht Dabei ist dieses erotische Aufgehen im Augenblick des Daseins mit dem Verlust des Selbst untrennbar verbunden die Fremde wird zum Ort der Möglichkeit des Verwilderns allerdings in einem gänzlich positiven Sinne An einer einsamen Stelle ertappe ich drei junge Frauen Die Röcke hochgenommen waschen sie ihre Beine im Nil Ich muß mich zwingen die Feluka nicht näher zum Ufer hinzusteuern Gerade weil die Körper auch verhüllt sind birgt der Anblick erotischen Reiz Ich möchte nasse Schenkel berühren ich möchte den Duft der Frauen atmen Ich muß mich mit dem Anblick begnügen dabei möchte ich verwildern Mein Auge prallt ab an den Frauen Das Bild auf der Netzhaut ist ein Bild ist ein Bild ist den Duft der Frauen könnte ich einziehen direkt in mich hinein Ich lehne mich aus dem Boot und lasse beide Hände durch das Wasser schleifen Die Augen geschlossen Manche Bilder besitzen Saugkraft wer sich verführen läßt wird einverleibt und Teil Man schrumpft plötzlich und endet als ein süßlich riechender Ameisen anlockender Punkt W 268 Das Bild bleibt äußerlich was zählt sind auch hier die kreatürlichen Empfindungen durch die man Zeit und Raum besiegt und sich selbst verliert um sich ganz zu finden Um auf den Punkt zu kommen ganz konzentriert und als Teil der Wirklichkeit die durch Bilder nicht zu erfahren ist Das Sehen der Wirklichkeit auch an der eben zitierten Stelle potenziert es sich mit geschlossenen Augen also in der Vorstellung also im Erzählen Sowohl das Ewige im harten Präsens als auch die Dimension des Raums gibt sich nur im Erzählen der Erfahrung preis Worte sind es die die Wirklichkeit erschaffen Seef weiß dass er nie alle Zusammenhänge wird aufdecken können ihm nur manchmal ein Einblick gelingt er aber dem Ahnen der Vernetzung aller Dinge eine Wirklichkeit in Worten verleihen kann Das Erzählen nur kann die Zusammenhänge neu erfinden die Fiktion momentweise zur Wirklichkeit werden lassen Die eigene Zeit und Welt der Sätze manchmal ereifern wir uns darüber Du erwartest von einem Buch daß es ein Lebensbuch ist dich ein wenig neu erfindet Durch Wörter und Sätze hindurch willst du in einem anderen Buch lesen im Buch deines Lebens Ich habe Sicht auf den Nil in jeden Satz den ich schreibe soll der Nil einfließen mit dem Geruch von Wasser Schlamm Fisch und Liebe W 328 f Und wenn er sich anschließend als ein Gott des alten Ägypten imaginiert dessen Geschlechtskraft die Kraft Ägyptens dessen Körpergeruch das Geschehen des Landes beeinflusste so hat das Selbsterfinden einen Bezug zu einem Land wie es in den Legenden und Mythen war und zu einem Leben das diese alten Geschichten neu erfindet sie sich einverleibt sich von ihnen einverleiben lässt und damit Zeit und Raum überwindet Die Suche nach der ganzen Wirklichkeit die in Kairo ebenso wenig gelingen kann wie anderswo in der Fremde mit ihrem löchrigen Teppich aber eher als im Eigenen erfahrbar ist ist die Suche nach dem Selbst außer sich und ist das Finden dieses Selbst anderswo im Anderen und das kann nur im Erzählen gelingen Und so ist es nur folgerichtig wenn die Kraft der

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