archive-de.com » DE » P » PAPYRUS-MAGAZIN.DE

Total: 267

Choose link from "Titles, links and description words view":

Or switch to "Titles and links view".
  • 60 Jahre El Alamein
    Reich Hitlers untergehen musste Ein Sieg Hitlers hätte weiteres unsägliches Elend über die Menschheit gebracht Dies hier auszusprechen setzt die deutschen und italienischen Gefallenen nicht herab Im Gegenteil Es besteht eine tiefe Kluft zwischen dem Soldaten der sein Leben einsetzt und einer Diktatur die seinen Einsatz missbraucht für Zwecke die er ohne Täuschung durch Propaganda nicht akzeptiert hätte Mit dem Lied vom guten Kameraden einer Schweigeminute und der Nationalhymne ging eine würdevolle Feierstunde zu Ende Die internationale Gedenkfeier Die Gedenkfeierlichkeiten setzten sich am italienischen Ehrenmal fort wo bereits Hunderte von Gästen aus dem Aus und Inland warteten Nachdem auch der Ehrengast Italiens Staatspräsident Ciampi eingetroffen war konnte die internationale Zeremonie endlich beginnen Vertreter von Kirchen der beteiligten Nationen erinnerten an die Opfer und riefen dazu auf Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen Pfarrer Schrödel bezog als Vertreter der deutschen Kirchen auch die Ägypter mit ein Sie hätten ebenfalls gelitten und könnten uns mit ihrem starken Glauben an den einen Gott Allah heute helfen zu verstehen wie wir Frieden mit anderen Ländern gleichen Glaubens schließen können Der italienische Staatspräsident Jahrgang 1920 und selbst Kriegsteilnehmer richtete seine Worte besonders an die über 150 anwesenden Veteranen Die Welt habe sich in den vergangenen sechzig Jahren radikal verändert Und es sei die Kriegsgeneration gewesen die sie verändert habe so Ciampi Wir die wir nach Hause zurück kehrten schworen uns von Herzen Nie wieder werden wir gegeneinander in den Krieg ziehen Die Generationen die nie Krieg gekannt hätten müssten sich des Wertes der Freiheit und der Demokratie bewusst sein die für sie erkämpft wurden Und sie müssten diese Werte verteidigen mit dem gleichen Mut und der gleichen Hingabe über den die Soldaten damals verfügt hätten Viele der Kriegsteilnehmer waren nicht zum ersten Mal hier Angesichts ihres hohen Alters muss aber befürchtet werden dass es die letzte große Gedenkfeier in El Alamein war an der sich auch viele der Überlebenden aktiv beteiligen konnten Was aber ging wirklich vor in diesen entscheidenden Tagen von El Alamein Es folgt eine kurze Abhandlung des militärischen Geschehens Die Schlachten von El Alamein von Dr Reinhard Stumpf Getragen von der Euphorie über den raschen Sieg bei Tobruk am 21 Juni 1942 erreichte die deutsch italienische Panzerarmee Afrika am 30 Juni die britischen Stellungen vor El Alamein Generaloberst Rommel hatte sie nach der Rückeroberung der Cyrenaika über die Grenze Richtung Nildelta geführt Als sein letztes Hindernis auf dem Weg nach Alexandria war nun die Enge bei El Alamein zu überwinden Da sie nicht südlich um gangen werden konnte blieb nur der Versuch frontal die Enge und die Stellungen der britischen 8 Armee zu durchstoßen zu der auch neuseeländische südafrikanische und indische Truppen gehörten Rommel hoffte die noch nicht besonders stark ausgebauten britischen Stellungen aus der Bewegung heraus durchstoßen zu können Dieses Vorhaben misslang in der ersten Schlacht um El Alamein 1 bis 4 Juli 1942 vor allem deshalb weil die britische Funkaufklärung inzwischen Meldungen des deutschen Armeekommandos binnen zwölf Stunden entschlüsseln und darauf operativ reagieren konnte So scheiterte Rommels Idee durch eine

    Original URL path: http://papyrus-magazin.de/archiv/2002_2003/november/11_12_2002_elalamein.html (2016-04-25)
    Open archived version from archive


  • König Faruks Trachtenanzug
    für den beachtlichen Leibesumfang des Königs war das mitgebrachte Maßband zu kurz Emil wusste sich aber zu helfen Er ließ sich einen Spagat österr für Bindfaden geben und nahm Maß mit Knoten im Spagat Zu Hause wurde dann der Trachtenanzug der Fürstenfamilie Windisch Grätz für den herrschaftlichen Kunden gefertigt Bevor der Anzug abgeliefert wurde ließ ihn Emil Fischer noch fotografisch festhalten Der König von Ägypten war nicht der einzige Kunde aus dem Hochadel Neben den Fürstenfamilien Khevenhüller Windisch Grätz Thurn und Taxis Kinsky u a hat er auch für den Prinzen Max von Bayern und den abgedankten König von England den Herzog von Windsor gearbeitet Seit wir in Ägypten leben interessieren wir uns noch mehr für Verbindungen zwischen unserem Gastland und unserer Heimat Umso mehr freue ich mich daher über diese Querverbindung noch dazu innerhalb der eigenen Familie Wenn König Faruk sich für Trachten begeistern konnte liegt der Gedanke nahe dass er auch ein Interesse an der Jagd hat dachte ich mir Und wirklich wieder zu Hause in Ägypten und auf der Suche nach einem neuen Ausflugsziel bringt ein Geländewagenfreund die Existenz der Jagdhäuser des König Faruks ins Gespräch Schriftliche Beweise sind leider nicht aufzutreiben so bleibt uns nichts anderes übrig als uns wieder einmal auf unseren Spürsinn zu verlassen Wie die zahllosen Jagdhütten in den Bergen Österreichs aussehen wissen wir auch die Hermesvilla der Kaiserin Elisabeth in Wien ist vielen Leuten bekannt Aber welche Vorstellung hat man von den Jagdhäusern König Faruks Wir haben keine Wir wissen nur dass es Jagdhäuser geben soll und wir uns diese aus der Nähe ansehen wollen damit eine vage Ahnung Form annehmen kann Endlich ist es soweit Eine neue Entdeckungsreise beginnt Südlich von El Saff zweigen wir in östlicher Richtung zum Wadi Rish Rash ab Der Eingang des Wadis ist sehr schwierig zu

    Original URL path: http://papyrus-magazin.de/archiv/2002_2003/september/9_10_2002_faruk.html (2016-04-25)
    Open archived version from archive

  • Kinderbraeute
    und zudem für eine Wohnung und deren Einrichtung zu sorgen Ohne vollmöblierte Wohnung wird am Nil nicht geheiratet Doch das kann sich heute kaum ein junger Mann leisten So beteiligen sich in der Regel die Eltern der Braut und spendieren dem jungen Paar die Einrichtung der Küche mit Elektrogeräten oder Ähnlichem Umgerechnet 5000 Euro wird er wohl hinlegen müssen um seine Tochter unter die Haube zu bringen schätzt Al Shafai Er deutet mit dem Finger auf die Häuser in seiner Straße Fast jede Familie hier hat eine Tochter am Golf Manchmal sieht man es richtig sagt er und deutet auf die frisch gestrichene Fassade eines Hauses Und wieso die Menschen das tun Das ist doch einfach Wir sind arm Sehr arm sagt er Und die leidtragenden sind die Mädchen sagt Minna Sie werden von ihren Familien einfach geopfert Wenn man erst vierzehn ist kann das ganz schön weh tun sagt sie Allerdings seien die meisten Mädchen die zu ihr kämen um ihr Kleid auszusuchen noch Feuer und Flamme Sie hoffen darauf reich zu werden und vor allem hier herauszukommen sagt sie und ihre Handbewegung umfasst die staubige Straße der Republik die viel zu dicht gebauten mehrstöckigen Häuser und das Gedränge der Menschen Dann kommt Marwa in den Brautladen Küsschen links Küsschen rechts Höfliche Belanglosigkeiten Marwa trägt ein mehrlagiges Kopftuch Röhrenjeans und Tingeltangelketten Es ist ihr anzusehen anzumerken dass sie etwas Besseres ist Marwa verdient sich als Schlepperin etwas dazu das heißt sie redet ihren Freundinnen gut zu sich doch an den Golf verheiraten zu lassen Oft werden die Hawamdia Ehen von Mädchen Maklern eingefädelt Marwas Nachbarin ist so eine und Marwa bekommt von ihr Provision Sie hält die Augen nach hübschen jungen Mädchen offen und beschwatzt sie dann Ich weiß gar nicht was die Mädchen hier haben sagt sie und deutet auf Minna und ihre Kollegin Ich finde die Männer vom Golf charmant und gutaussehend und die Vorstellung in einem anderen Land zu leben ist doch aufregend Was haben wir hier schon zu erwarten und zu verlieren sagt sie Die beiden anderen schütteln die Köpfe Nee nee das ist nichts für uns sagen sie Aber für die richtig fiesen Geschäfte bei denen die Maklerin viel verdient sind die beiden ja sowieso schon zu alt Die Makler sind die Ansprechpartner der suchenden Männer und präsentieren ihnen dann mehrere Kandidatinnen Zum Teil kommt der Kontakt über Internet zu Stande aber oft geht es noch den altmodischen Weg Man trifft sich in der Lobby einschlägiger Hotels Wenn der Deal klappt kassieren die Makler so erzählt Minna später Marwa will sich zu solchen Details lieber nicht äußern 5 bis 10 000 Euro also sehr viel mehr als die Familien der Mädchen Die Minderjährigen Ehe ist kein ägyptisches Phänomen sagt die Ministerin Moushira Khattab Es sei vielmehr eine Folge ein Auswuchs der Globalisierung und des Gefälles von Arm und Reich in der arabischen Welt Das Einzige was gegen diese Praktiken hilft ist Mädchenbildung sagt sie Wir müssen dafür sorgen dass die Mädchen so etwas nicht

    Original URL path: http://papyrus-magazin.de/archiv/2011/Heft02_03_2011/Kinderbraeute.htm (2016-04-25)
    Open archived version from archive

  • Personenstandsrecht
    eine Reiseerlaubnis Dennoch kann der Ehemann versuchen durch Gerichtsanordnung der Ehefrau die Ausreise zu verwehren Darüber wird von einem Richter entschieden Morgengabe Die Morgengabe ist ein Geschenk Moakhar al sadak des Mannes an die Frau sie gehört zur islamischen Heirat als Recht der Frau und wird meistens in Form von Geld gegeben Die Morgengabe in ägyptischen Ehen selbstverständlich kann ihren Teil zur Absicherung der Frau beitragen Der Gestaltung der Morgengabe sind viele Möglichkeiten gegeben und sie sollte auf jeden Fall gut durchdacht und in Anspruch genommen werden Gewalt in der Ehe Gewalt gegen Frauen ist verboten auch Gewalt durch Ehemänner Die Frauen können in diesen Fällen Anzeige gegen den Ehemann erstatten In Wirklichkeit kommt dies ganz selten vor Die betroffene Frau muss hierzu erst die Polizei aufsuchen wo sie möglicherweise von den männlichen Polizisten kritisiert wird und im Anschluss in ein Krankenhaus zur Erstellung eines medizinischen Gutachtens Normalerweise wird Hilfe innerhalb der Familie gesucht oder es wird versucht den Streit zur Straße zu ziehen damit es Nachbarn als Zeugen gibt Scheidung Üblicherweise erfolgt die Scheidung durch den muslimischen Ehemann in Form einer Verstoßung der Ehefrau Dieses kann einvernehmlich erfolgen muss aber nicht Der Ehemann kann die Ehefrau im Beisein von zwei Zeugen verstoßen die Scheidung muss anschließend innerhalb von 30 Tagen registriert werden Begründet werden muss die Verstoßung nicht Die Ehefrau muss von der Verstoßung informiert werden Diese erste Scheidung ist widerruflich falls die Ehefrau innerhalb von 3 Monaten nicht zurückgeholt wurde wird sie unwiderruflich Sie wird auch dann unwiderruflich wenn die Verstoßung insgesamt drei Mal erfolgt Eine einvernehmliche Scheidung vor dem Standesbeamten unter Anwesenheit der Ehefrau wird ebenfalls sofort unwiderruflich Die Möglichkeiten für die Ehefrau eine Scheidung ohne Zustimmung des Mannes zu erhalten sind im Vergleich beschränkter bzw mit finanziellen Nachteilen verbunden So hat die Ehefrau mittlerweile die Möglichkeit der Selbstverstoßung isma dieses Recht muss jedoch ehevertraglich festgelegt werden Falls dies nicht geschehen ist kann ein langwieriges Gerichtsverfahren erforderlich werden Gründe für ein Gerichtsverfahren können u a Benachteiligung der Ehefrau durch eine Mehrehe längere unbegründete Abwesenheit oder unheilbare Krankheit des Ehemannes fehlender Unterhalt durch den Ehemann sein Eine unbegründete gerichtliche Scheidung bei der die Ehefrau die Morgengabe zurückgibt und auf ihre finanzielle Rechte verzichtet Khul ist ebenfalls möglich In diesem Falle muss die Frau nicht beweisen dass der Ehemann sie schlecht behandelt hat sie muss lediglich erklären dass sie das Zusammenleben mit ihrem Ehemann hasst ein weiteres Eheleben unmöglich ist und sie fürchtet gegen die Gebote Gottes zu verstoßen Diese Art Scheidung erfolgt im Vergleich zu der sonstigen gerichtlichen Scheidung schneller Einige Frauenrechtlerinnen weisen allerdings darauf hin dass diese Art Scheidung nur für Frauen möglich ist die durch ein eigenes Einkommen wirtschaftlich unabhängig vom Mann sind Kinder Sorgerecht Das ägyptische Sorgerecht ist gespalten in die weleya die in etwa mit der gesetzlichen Vertretung des deutschen Familienrechtes vergleichbar ist und die der Vater innehat und die hadana die tatsächliche Personensorge das Umgangsrecht welches die Mutter innehat Diese Spaltung wird im Regelfall auch bei einer Scheidung beibehalten Väter bekommen sehr selten

    Original URL path: http://papyrus-magazin.de/archiv/2011/Heft02_03_2011/Frauen%20und%20Rechte.htm (2016-04-25)
    Open archived version from archive

  • Mittelständische Unternehmerinnen
    im familienorientierten Ägypten häufig nicht aus um selbst gut ausgebildeten und halbwegs gutsituierten Jungunternehmerinnen die nötige Starthilfe zukommen zu lassen So wird zwar immer wieder betont wie wichtig die Unterstützung durch den Vater oder den Ehegatten gerade in der Anfangsphase der Unternehmensgründung ist doch ergeben gerade auch plötzliche Schicksalsschläge wie Verwitwung oder Scheidung starke Motive für Frauen ein selbstständiges Unternehmen zu gründen Gerade das Bewusstsein dieser unterschiedlichen Problemstellungen hat bei den oben genannten Führungspersönlichkeiten zu einem starken Engagement in diversen Verbänden und Organisationen zur Förderung des weiblichen Unternehmertums geführt So können die herausragenden Beispiele nicht darüber hinweg täuschen dass der Anteil weiblicher Unternehmerinnen mit 12 18 am Gesamtvolumen der ohnehin eher kleine bis allenfalls mittlere Betriebsgröße erreichenden Firmen Ägyptens im weltweiten Vergleich nur die unteren Plätze belegt Auch weil die Gruppe der mittelständischen Unternehmerinnen entsprechend den schwierigen ökonomischen Bedingungen und dem chronisch niedrigen Anteil weiblicher Beschäftigter überhaupt eher langsam wächst entstanden seit den 90er Jahren eine Reihe von Verbänden und Organisationen die nicht zuletzt auch mit deutscher Unterstützung für eine professionelle und effiziente Förderung des Berufsstandes sorgten Von ägyptischer Regierungsseite werden unter dem Dach des National Council for Women durch das Women Business Development Center WBDC verschiedene Trainee Programme und Workshops angeboten Das deutsche Engagement drückt sich vor allem im Rahmen eines Privaten Partnerschaftsprojekts PPP aus das mit Unterstützung des Verbandes Deutscher Unternehmerinnen VdU mit den Verbänden Egyptian Businesswomen Association EBWA Kairo Business Women of Egypt 21 BW 21 Giza und Alexandria Businesswoman Association ABWA Alexandria kooperiert Bericht in Lisa Heermann Unternehmerinnen am Nil In Papyrus Magazin Heft 3 Januar Februar 2008 28 JG S 22 24 In einer Gesellschaft wie der ägyptischen in der besonders außerhalb großer Ballungszentren zunehmend Segregation der Geschlechter herrscht sind Netz werke gerade auch im ökonomischen Bereich besonders hilfreich Auch wenn sich immer wieder beobachten lässt dass auch Frauen wichtige Vertrauenspositionen in ihren Unternehmungen am liebsten mit engen Familienmitgliedern besetzen seien es Töchter oder Söhne wird das Angebot sich in gleichgesinnten Netzwerken mit anderen Unternehmerinnen auszutauschen oder in Verbänden zu engagieren die Ihnen Zugang zu Märkten eröffnen Expertise anbieten oder auch Hilfestellung zur Finanzierung zu leisten im Stande sind gerne angenommen So titeln die Präsidentin und Gründerin der ABWA Alexandria Business Association Frau Dr Raga Ahmed Abdou und ihre Tochter Dr Howaida El Sayed Shalaby ihre gemeinsame unternehmerische Biographie mit A Family of Pharmacists Beide betreiben in Alexandria mehrere Apotheken wobei die Abgrenzung zu Drogerie Märkten fließend verläuft denn beide investieren in zunehmenden Maß in naturmedizinische und Wellness Produkte Zwar steht auch hier die Familientradition im Vordergrund aber gerade wenn der Wunsch nach Expansion größer und somit eine internationalere Geschäftsebene erreicht wird haben sich die Frauenverbände mit ihren Hilfestellungen und globalen Partnerschaftsprojekten von Indien bis zu den Ländern der EU bewährt Geschäft und Familie zu vereinbaren mag der einen oder anderen ebenso schwer fallen wie ihren Kolleginnen im Westen auffällig bleibt jedoch in wie viel stärkerem Maße Kinder ganz selbstverständlich sind Gelegentlich geht die erfolgreiche Karriere als Ehefrau und Mutter einer späteren geschäftlichen Betätigung voraus

    Original URL path: http://papyrus-magazin.de/archiv/2011/Heft02_03_2011/Zwischen%20Glamour%20und%20Mikrofinanz.htm (2016-04-25)
    Open archived version from archive

  • Ägyptens_Zukunft
    Repression gehört Nach einer Schätzung von Al Ahram weekly sitzen 12 000 14 000 Menschen in Gefängnissen ohne Anklage und teilweise trotz Freilassungserlassen von Gerichten 20 3 2008 S 2 Merkmale der Gesellschaft Bevor ich einige Überlegungen zu den Perspektiven Ägyptens darlege möchte ich hier noch kurz einige weitere Eindrücke und Einschätzungen formulieren Es handelt sich dabei um weitere ausgewählte Merkmale der ägyptischen Gesellschaft die mir als sehr charakteristisch erscheinen Ein wesentliches Merkmal ist Bequemlichkeit bzw Gemütlichkeit englisch noch treffender convenience Das bezieht sich auf Körper und Geist Anstrengungen werden vermieden Sport und Bewegung sind auf ein Minimum reduziert störende oder unübliche Wahrnehmungen oder gar Gedanken werden ignoriert oder verschoben Das hat etwas von Sparsamkeit und minimalem Aufwand Zugleich aber sei an das eingangs erwähnte Phänomen eines überaus anstrengenden Alltags erinnert und an die relativ aufwändigen fünf Gebete die alltäglich auszuüben sind Allein dies alles zu praktizieren führt wohl zu einem Gefühl schon etwas geleistet zu haben Hinzu kommt eine außerordentliche Dominanz des Unmittelbaren Alles was geografisch oder zeitlich etwas weiter weg liegt ist automatisch unwichtig Das zeitlich und räumlich Nahe ist das Wichtige denn das kann zum Wohlbefinden beitragen oder Risiken bergen Daher ist es wichtiger als das übernächste Wer weiß was übermorgen ist wer weiß was jenseits des nächsten Ortes kommt Nur das Unmittelbare kann in gewisser Kontrolle gehalten werden alles darüber hinaus Gehende ist unplanbar liegt nicht in menschlichen Händen bzw ist derart unüberschaubar dass sich die Mühe nicht lohnt sich damit zu befassen weil fast immer Enttäuschungen zu erwarten wären Ein Gedanke des deutschen Philosophen Peter Sloterdijk aus seinem Buch Derrida ein Ägypter 2007 lässt sich hier sehr schön anschließen Die Pyramide das ägyptischste aller Gebilde steht für alle Zeiten unerschütterlich an ihrem Ort weil ihre Form nichts anderes ist als der undekonstruierbare Rest einer Konstruktion die dem Plan des Architekten zufolge so gebaut wird wie sie nach ihrem Einsturz aussehen würde Den Menschen in Ägypten wird schon in frühen Texten große Friedfertigkeit Freundlichkeit und Langmut nachgesagt insbesondere den Bauern Mir ist es in den beiden Jahren in Ägypten so gut wie nie vorgekommen dass jemand die Geduld verloren hat obwohl es unzählige Anlässe dafür gegeben hätte außer im Straßenverkehr da wird manche Faust in der Luft geschüttelt weil jemand allzu individuell sich verhalten und andere gefährdet hat Auffallend ist zudem die außerordentliche Freundlichkeit von Ägyptern und sogar eine enorme Offenheit wenn man denn ebenfalls offen und freundlich auftritt dann verausgaben sich die Menschen aufs Äußerste Gleichwohl ist der Alltag voller Hierarchien voller Abgrenzungen und Misstrauen gegen andere vor allem Fremde da wird auf Fassade und Masken gesetzt Sich eine Blöße geben würde wohl von den Anderen umgehend ausgenutzt und umgekehrt Selbst innerhalb der Familie kann man sich nicht auf alle verlassen da wird konkurriert und da werden Rollen gespielt Es gilt überall Vorsicht walten zu lassen Besonders starkes Misstrauen hat sich gegenüber Regierung Staat und Eliten entfaltet und wird überall deutlich fast in jedem Gespräch wird über die da oben hergezogen Ändern tut sich dadurch nichts Besonders im Arbeitsleben fällt die häufig geringe Ausschöpfung von Potenzialen ins Auge Ein Effizienzdenken und entsprechendes Handeln wie es sich in den Gesellschaften beiderseits des Nordatlantik im Zuge der kapitalistischen Entwicklung und insbesondere der fordistischen Phase nach dem 2 Weltkrieg ergeben hat Fließband und Sozialstaat ist beiderseits des Nil weitgehend unbekannt mit Ausnahmen wie beim Umgang mit Wasser Aber selbst dies wird in Städten wie Kairo und Alexandria vergessen als habe es die Jahrtausende alte Tradition der Balance zwischen Mensch und Natur am Nil nicht gegeben Ausgeprägt sind aber Flexibilität und kreative Problembearbeitung Pragmatismus und Durchwursteln Alles ist irgendwie machbar häufig mit einfachsten Mitteln und kleineren Anstrengungen Darüber hinaus gibt es natürlich auch besondere Schmiermittel mit denen sich Dinge ermöglichen oder beschleunigen lassen da fließen dann entsprechende Gelder oder ähnliche Ressourcen Korruption ist weit verbreitet Bakschisch Kultur gehört zum Alltag Nepotismus und Patronage sind normal So ist nicht nur die Auffassung von Transparency International sondern vor allem auch der Ägypter selbst Wie oben zum Thema Straßenverkehr bereits erwähnt gibt es für fast alle Alltagsaktivitäten Regeln aber meist fehlt ihre Durchsetzung die Kontrolle ihrer Einhaltung oder es wird bei entsprechendem Entgegenkommen ein Auge zugedrückt Und allgemein lässt sich fast sagen dass korrektes Verhalten kaum Unterstützung erfährt eine entsprechende förderliche incentive structure nicht oder nur selten gegeben ist im Alltag Da doch immer etliche Dinge nicht klappen oder schief gehen man sich selbst aber keine Blöße geben möchte gehört das Beschuldigen von Anderen zum Alltag dazu Das geht dann bis zu kleinen Verschwörungs theorien oder notfalls abergläubischen Geschichten Einsicht in Fehler bzw Mängel und deren Ursachen Verhaltensweisen wie Kritik oder Selbstkritik sind äußerst selten Da vieles vage bleiben kann verdrängt wird verschoben wird nimmt es nicht Wunder dass intrinsische Motivation kaum anzutreffen ist dass ein Großteil von Motivation über Außensteuerung verläuft d h durch Druck oder Gefallen Wollen gegenüber den Vorgesetzten oder Ranghöheren Selbstverantwortung ist entsprechend rar Selbstverständlich sind all diese Aussagen grobe Verallgemeinerungen Wie bei jeder Beschreibung von Gruppen oder Gesellschaften wäre ein hohes Maß an Differenzierung entlang der üblichen soziologischen Kategorien von Alter Geschlecht Beruf Einkommen Milieu Wohnort etc vonnöten doch aufgrund des begrenzten Umfangs eines solchen Artikels sind die oben genannten Punkte nur als zugespitzte Thesen zu verstehen Potenziale und vorsichtige Hoffnungen Bei vielen Gesprächen und durch eigene Erfahrungen komme ich zu der Einschätzung dass die ägyptische Gesellschaft über erkleckliche Potenziale für eine bessere Entwicklung verfügt dass sie unter ihren Möglichkeiten lebt Häufig wurde in Gesprächen und in Medien darauf verwiesen und mir sind persönlich mehrere Beispiele bekannt dass ÄgypterInnen zu hohen Leistungen und Erfolgen fähig sind wenn ihnen häufig beispielsweise im Ausland angemessene Entfaltungsmöglichkeiten geboten werden Dies allerdings ist noch der Ausnahmefall Bildung Ausbildung und Qualifikation sind meines Erachtens die Schlüsselgrößen für eine bessere Entwicklung Dabei wird so ist zu hoffen nicht etwa das westliche nicht nachhaltige Überkonsumtionsmodell nachgeahmt werden sondern im Anschluss an wertvolle Traditionen ein eigener Weg wenngleich auf Prinzipien der Nachhaltigkeit aufbauend eingeschlagen werden In dieser Hinsicht hat der große Sozialwissenschaftler Galal Amin sehr

    Original URL path: http://papyrus-magazin.de/archiv/2009_2010/07_08_10/Aegyptens-Zukunft.htm (2016-04-25)
    Open archived version from archive

  • Snooker_Club
    sie ihnen den Eintritt zum Beispiel ins Shepheard s Hotel den nahegelegenen Turf Club oder eben auch in den Gezira Sporting Club einst das Prunkstück der botanischen Gärten Ismaels auf Gezira verweigerten Gerade unter Kriegsbedingungen dominierten die soldatischen Bedürfnisse nach Bier und leichten Mädchen das Bild Die einstige Eleganz in Downtown Kairo wurde Opfer des billigeren Vergnügens und der Trinkgewohnheiten der englischen Besatzer Allerdings ebenso wie heute in den feinen Bars und Restaurants der beautiful crowd den Kopftuchmädchen häufig der Eintritt verwehrt wird herrschte bis zur Revolution gerade für die feineren Hotels und Cafés wie dem Groppi nahezu Apartheid und wenn dies gelockert wurde so blieben die Preise so exorbitant dass sicher kein Fellache sich auch nur in ihre Nähe verirrte Kein Wunder dass sich der Zorn des ägyptischen Mobs am Black Saturday 1952 hier so vehement entlud und wer die Archivbilder der BBC zu diesem Ereignis betrachtet wundert sich höchstens dass die Verluste an Menschenleben vergleichsweise niedrig ausfielen Dennoch bereits im Dezember 1952 eröffnete das Groppi mit höchst offizieller Repräsentanz die Pforten seines frischrenovierten Hauptgeschäftes an der Sharia Adli Ich kann mich nicht beschweren lässt Waguih Ghali in seiner einzigen Novelle Beer in the Snooker Club einen Taxifahrer erzählen vor der Revolution waren nur die Reichen meine Kunden Jetzt fahren wir die Reichen und die Militärs Die Hauptperson der Erzählung Ram versinkt nicht zuletzt wegen ihrer nun unpopulär gewordenen englischen Erziehung genau in diesem Bermuda Dreieck zwischen Groppi dem Gezira und ihrem geliebten Snooker Club im alkoholbenebelten Müßiggang einer verlorenen Klasse Die melancholisch coole Jazzmusik wie sie heute im Zuge allgemeiner Nostalgie die Riff Band wieder auf die Bühne bringt verkörperte das Lebensgefühl jener Zeit Morgens frühstückte man ein zwei Whiskeys im Groppi wandert dann die paar Schritte zum Rivoli einst ein legendäres Filmtheater wo ein befrackter Organist auf einer versenkbaren Tribüne furiose Orgelsoli in den Filmpausen darbot um quer durch das Schuhgeschäft der Armenier über eine Hintertreppe im gediegenen Luxus des Billard Clubs zu landen wo man sich ein Draught Bass eine Mischung aus gequirltem Bier mit ein paar Tropfen Whiskey und Wodka mischte Das dafür nötige Kleingeld konnte man ein paar naiven westlichen Ladies bei einer feuchtfröhlichen Bridge Runde im Gezira Club abzocken Weder im Groppi noch im Snooker Club wird heute noch Alkohol ausgeschenkt zuletzt verschwand er wohl nach einer blutigen Auseinandersetzung in den 80ern aus dem Gezira Club Allerdings gibt es noch genügend Hot Spots in Downtown Cairo wo man mehr oder weniger gepflegt sein Bier trinken kann Da heutzutage Bars nicht immer leicht zu erkennen sind und um besser schon im Voraus einzuschätzen wo eventuell welche Bedürfnisse befriedigt werden könnten gibt Stella einen Baladi Bar flyer heraus oder man orientiert sich auf der interaktiven Web Site www baladibar com Dass der oben geschilderte Lebenswandel durchaus nicht nur auf eine fiktive Romanfigur zutraf zeigen die Lebensgeschichten von Omar Sharif und Ahmed Ramzi Auch die beiden berühmten ägyptischen Filmschauspieler müssen in ihrer Jugend ganz ähnliche Identitätskrisen durchlebt haben Legendär ihre Schwäche für Whiskey Bridge oder Snooker

    Original URL path: http://papyrus-magazin.de/archiv/2009_2010/05_06_10/Heft4_Bier%20Kopie.htm (2016-04-25)
    Open archived version from archive

  • Netzwerken
    Leidenschaft gepflegt wird Ob in der Früh oder am Abend mal kürzer mal länger in Ägypten hat man eben Zeit oder nimmt sie sich Da wundert es nicht dass hier jeder fast jeden kennt was in einer Stadt von schätzungsweise 18 Mio Menschen wie Kairo gar nicht so einfach ist Netzwerken in Ägypten bedeutet nämlich sich Zeit zu nehmen um Gespräche zu führen Meistens recht entspannt und gelassen aber manchmal auch mit einer Leidenschaft die einen erstaunen lässt Mal von Tür zu Tür mal auch im Freien Abwechslungsreich und innovativ Und mehr noch wenn zwei Netzwerker oder auch mehr in eine Besprechung verwickelt sind können sie sich kaum voneinander trennen und machen aus ihrem 4 Augen Gespräch eine Lehrstunde der modernen Kommunikation und des Miteinanders Alle anderen Netzwerker sind so fasziniert von diesem exzellenten und gestenreichen Vortrag dass sie sich sogar aus ihren eigenen Besprechungen lösen und wie gebannt den beiden Hauptakteuren zuschauen Das ist so spannend dass sie sogar manchmal vergessen an ihre eigenen Termine zum Netzwerken zu denken Aber auch das ist modernes Miteinander Kaum denkt ein Netzwerker mal nicht daran dass er eigentlich noch zu weiteren Netzwerkgesprächen verabredet ist wird er freundlich manchmal energisch daran erinnert Da achtet jeder auf jeden Vorbildlich könnte man sagen Zeit ist Geld In Ägypten sollte man flexibel sein und Zeit zum Netzwerken und für Gespräche haben Ob im 4 Personen Meeting oder auch im größeren Kreis Und wer nicht flexibel ist und seine Zeit gut eingeplant hat auch für mitunter sehr spontane Netzwerkgespräche wird erkennen wie unbedacht er war Netzwerker in Ägypten sind überall zu finden und von jung bis alt aus allen Schichten vertreten Das nennt man Gleichberechtigung So funktioniert eine moderne Gesellschaft Es gibt Teppichhändler Gemüseverkäufer Viehhändler Gasluftballonaufpumper Kühlschrankvertreter Menschen mit einem gewissen Lebensstil Handwerker und noch viele mehr

    Original URL path: http://papyrus-magazin.de/archiv/2009_2010/01_02_10/Netzwerken.htm (2016-04-25)
    Open archived version from archive



  •