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  • Leopold-Ziegler-Stiftung: Marc Jongen: Leopold Zieglers "Gestaltwandel der Götter". Vorwort zur Neu-Auflage
    ein Reigen auf und verblühender Wahrheitsgewächse die gleich allem organisch Entstandenen dem ehernen Gesetz des goetheschen Stirb und werde unterworfen sind Weder hat eines von ihnen einen privilegierten Zugang zur Wahrheit über das factum brutum hinaus ihr den jeweils zeitgemäßen Ausdruck zu verleihen noch können sie im idealistischen Sinn als Etappen auf dem Weg des Geistes zu sich selbst hin gelten Gestaltwandel bedeutet permanentes Werden aber keineswegs Fortschritt Es gibt keine ewigen Wahrheiten Jede Philosophie ist ein Ausdruck ihrer und nur ihrer Zeit heißt es bei Oswald Spengler in gewohnter Zuspitzung 20 Offenbar sind in dieser Konstellation zwei einander widersprechende Positionen auf paradoxe Weise miteinander verbunden nämlich ein extremer Skeptizismus und Relativismus hinsichtlich aller historisch vorliegenden Wahrheitsangebote einerseits andererseits ein nicht minder extremer epistemologischer Optimismus man könne dem Gestaltwandel des Geistes durch die Zeiten in fast gottgleicher physiognomischer Schau auf den Grund blicken will sagen den überzeitlichen Typus hinter allen zeitlichen Formen zu Gesicht bekommen Der Typus als Wirklichkeit dauert nicht der Typus als Dauer wirklicht nicht das ist bündig und kurz das etwas aufreizende Ergebnis von Goethes großer neuer Wissenschaft 21 beschreibt Ziegler die unversöhnbare identitätsphilosophisch nicht aufhebbare Differenz innerhalb des morphologisch physiognomischen Denkens Während nun Spenglers Augenmerk auf die nichtdauernde Wirklichkeit innerhalb dieser Differenz gerichtet ist und er deshalb mit Recht seine Philosophie einen Skeptizismus nennen kann der das Weltbild der voraufgegangenen Kultur zersetzt 22 hält Ziegler im Gegenteil nach dem Typus als Dauer Ausschau da dieser allein einen Sinn und Übersinn der Welt so der Arbeitstitel des Gestaltwandels der Götter zu verbürgen und die Kultur vor dem Absturz in den heillosen Nihilismus der Zivilisation zu retten vermag 23 An einer der Schlüsselstellen des Buches läßt sich beobachten wie die Philosophia Perennis von Zieglers späterer Schaffensphase sich aus dem lebensphilosophischen Zeitgeist bereits herauszuschälen beginnt indem die goethesche Morphologie mit den alten spirituellen Weltalterlehren allmählich zusammenwächst sich zu diesen gewissermaßen rück metamorphosiert Zeitlich aufeinandergeschichtete Wiederkünfte von Weltstufen und Weltaltern würden sich zeitlich hier zu Weltspiralen aneinanderringeln und in einem vielleicht später einmal durchaus enthüllbaren Wortsinn den Begriff von der Spiraltendenz von der Zirkumnutation der Pflanzenteile ins Menschheitliche ungeheuer zu übertragen gestatten als eine Hypothesis der Erkenntnis alles organisch Daseienden überhaupt In weiter oder enger gewundenen Spiralen wird dermaleinst vielleicht auf höher und höheren Ebenen Dieselbe und Einige Gestalt aller Gestalten zur Wahrnehmung gelangen können einen Adspekt auf eine besondere Art charakterologischer oder physiognomischer Unsterblichkeit herrlich eröffnend Und von hier aus könnte dann ein Tropfen jenes einhaltenderen atemholenderen gelasseneren feiertäglicheren Zeitmaßes balsamisch lind bindend und sänftigend ins fiebrige Getriebe ci devant Europas fallen und endlich endlich unserer Geschichte ein Gut retten das sie bis heute in verhängnisvollen Graden hatte durchweg missen lassen Dauer 24 Dieselbe und Einige Gestalt aller Gestalten sie wird Ziegler später den allgemeinen Menschen nennen dauernder Typus und Träger von natürlicher und kultureller Evolution gleichermaßen in den Mythen aller Völker und Zeiten bildhaft gespiegelt im christlichen Gedanken der Menschwerdung zu höchstem wenngleich keineswegs ausschließlichem Ausdruck gekommen und selbst im abstraktesten Formelwerk der modernen Naturwissenschaft noch das eigentliche Subjekt Objekt der Erkenntnis Und die weiter oder enger gewundenen Weltspiralen die das fiebrige Getriebe der modernen Fortschrittszeit in sich aufheben und außer Kraft setzen in ihnen ist die Verwindung der Moderne schon vorweggenommen wie sie Ziegler dann in einer Art Parallelunternehmen zu Martin Heideggers Verwindung der Metaphysik herausarbeiten wird IV Der Gestaltwandel der Götter gleich im Erscheinungsjahr 1920 mit dem Nietzsche Preis ausgezeichnet denkt im anspruchsvollen Sinn des Wortes nach Nietzsche Ziegler ist einer der zwei oder drei Deutschen für die Nietzsche wirklich gelebt hat schreibt Pannwitz 25 Daran ist jedenfalls so viel wahr daß Zieglers Buch innerhalb der ersten großen Rezeptionswelle Nietzsches in Deutschland zu den ambitioniertesten und nicht ganz unwesentlich faschistisch unkompromittierten Versuchen gehört sich von den Hammerschlägen aus Sils Maria auf produktive Weise erschüttern zu lassen Die Fragestellungen die Ziegler von Nietzsche hat in deren Horizont sein Gestaltwandel sich einschreibt sind wohl nirgends deutlicher und eindrucksvoller formuliert als im Aphorismus Nr 125 der Fröhlichen Wissenschaft betitelt Der tolle Mensch Dessen berühmte Worte über den Tod Gottes seine Ermordung durch uns alle gilt es versuchsweise wie zum ersten Mal lesen Aber wie haben wir dies gemacht Wer gab uns den Schwamm um den ganzen Horizont wegzuwischen Was taten wir als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten Wohin bewegt sie sich nun Wohin bewegen wir uns Fort von allen Sonnen Stürzen wir nicht fortwährend Und rückwärts seitwärts vorwärts nach allen Seiten Gibt es noch ein Oben und ein Unten Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts Haucht uns nicht der leere Raum an Ist es nicht kälter geworden Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht 26 Dem ungeheuren Ereignis das Nietzsche hier durch den Mund des tollen Menschen verkünden läßt und von dem er sagt es sei noch nicht zu den Ohren der Menschen gedrungen 27 leiht Ziegler als ein religiös überaus musikalischer Hörer sein Ohr Ich habe gehorcht wird sein selbstverfügter Grabspruch lauten Den Autorenmotiven und überhaupt dem generativen Quellgrund des Gestaltwandels kommt man um so näher je besser man die Unerhörtheit und Ungeheuerlichkeit des Gottesmordes existentiell noch einmal nachzuvollziehen vermag Nun war der Atheismus schon zu Nietzsches Zeit keine skandalöse Neuigkeit mehr vielmehr war er bereits mit dem Szientismus und Positivismus zur herrschenden Weltanschauung des neunzehnten Jahrhunderts geworden die große Wirkung Nietzsches beruhte in dieser ersten Rezeptionsphase darauf daß er die atheistische Botschaft mit prophetischer Geste verkündete daß er die geistigen und seelischen Kosten des Gottesverlustes erstmals überzeugend vorrechnete dabei aber gleichwohl nicht zum Dysangelisten wurde sondern mit der Wendung zum Übermenschen die fortbestehenden Erlösungssehnsüchte quasi evangelisch auf ein neues Ziel fokussierte 28 Eben diese paraprophetische kryptoreligiöse Seite Nietzsches von Spengler als dessen Romantik abgetan nimmt Ziegler auf In ihm regt sich frühzeitig oder ein letztes Mal wer will das entscheiden zwischen diesem Nicht mehr und Noch nicht sah sich Ziegler zeitlebens eingespannt der Impuls den drohenden Substanzverlust der menschlichen Seele die des Gottespols als ihres notwendigen Pendants verlustig gegangen ist in zwölfter Stunde noch einmal abzuwenden Um zu verstehen was in Zieglers Augen in diesen Jahren der Entscheidung auf dem Spiel steht braucht man nur die folgenden Fragen von Nietzsches tollem Menschen in ihrem ganzen Pathos ernst zu nehmen Wie trösten wir uns die Mörder aller Mörder Das Heiligste und Mächtigste was die Welt bisher besaß es ist unter unseren Messern verblutet wer wischt dies Blut von uns ab Mit welchem Wasser können wir uns reinigen Welche Sühnefeiern welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns Müssen wir nicht selber zu Göttern werden um nur ihrer würdig zu erscheinen 29 Für Ziegler besteht kein Zweifel daß insbesondere die letzte Frage bejaht werden muß es klingt wie eine direkte Antwort darauf wenn er schreibt Die Götter sind tot Gott selber ist tot So leben denn die Götter die Mensch Gebildeten so lebe denn Gott der Mensch Gott 30 Hierin spricht sich auch am bündigsten die zieglersche Modifikation an Nietzsches Therapievorschlag für das dekadente entgötterte und entheiligte Europa aus die im wesentlichen auf eine Milderung der Heilmittel hinausläuft balsamisch lind anders gesagt auf eine Humanisierung oder Re Traditionalisierung des eben nur bedingt guten Europäers Nietzsche Der Mensch Gott ist zwar verwandt aber nicht gleich dem Übermenschen Die aufklärerische insbesondere feuerbachsche Deutung Gottes als eines in die Transzendenz projizierten Wunschwesens teilt Ziegler aber nicht Emanzipation von allen traditionellen Bindungen sind aus seiner Sicht dem Menschen mit diesem Mehr und Besser Wissen aufgetragen sondern die Verpflichtung sich seiner naiveren seelisch indessen so viel substanzreicheren Vergangenheit würdig zu erweisen Denn so Ziegler in dem Aufsatz Entgöttlichung der Welt von 1928 Verjährt endgültig verjährt ist der Größenwahn aufgeklärter Zeiten homo sapiens könne auf vorgerückter Stufe vernünftiger Gesittung auf jene Deifikationstendenz verzichten da sich doch umgekehrt menschheitlicher Hoch und Tiefstand streng nach dem Aufwand bemißt den wir unsern Göttern widmen was wir überhaupt nur taugen bestimmt sich genau nach der Fähigkeit und Willfährigkeit unbewußt die eigene Seelenfülle auf den Gott zu übertragen um sie ihm dann bewußt gesteigert und vervielfacht wieder zu entleihen 31 V Spätestens an dieser Stelle ist ein Hochplateau der Problemstellung erreicht das den Gestaltwandel der Götter auch heute noch ein zeitgenössisches Werk sein läßt Das Buch ist ein Kommentar zu jenem wahrheitsgeschichtlichen Moment da der Mensch sich als der Erbe des toten Gottes bewußt wird und sich damit einem nie dagewesenen Freiheitsschub einer beispielloser Machtfülle und einem beispiellosen Entscheidungsdruck ausgesetzt sieht Kraft der Möglichkeit gentechnischer Übermenschenzüchtung hat diese Situation inzwischen eine technisch praktische Zuspitzung erfahren und damit eine ganz neue Qualität erlangt Wer begreifen will welches schon längst installierte Programm in der sich abzeichnenden technischen Autoplastik des Menschen zu Anwendung und Sichtbarkeit gelangt tut gut daran die Religionen als die Vor und Frühstadien dieser Entwicklung zur Kenntnis zu nehmen Zwar ist das Motiv daß der Mensch der Urheber seiner Götter sei schon aus der griechischen Sophistik bekannt aber erst in jüngster Zeit wird die Aneignung der in die Transzendenz ausgelagerten göttlichen Attribute als das Arbeitspensum eines beginnenden neuen Weltalters erkennbar 32 Welche gewaltige Verantwortung dem Menschen zufällt wenn er dergestalt darangeht sich zu übernehmen man höre den Doppelsinn des Wortes machen Zieglers theologische Anachronismen gerade durch ihren Verfremdungseffekt deutlich Diese Kreatur Mensch wie nichtswürdig wie elend es bis dahin auch um sie bestellt sein mag es bleibt ihr dennoch gar nichts übrig als eines Tags die ungeheuerliche Last für Gottes Verwirklichung auf Erden unweigerlich sich auf die schwachen Schultern zu bürden Atlas aus freien Stücken dem die strahlende Wucht des globus coelestis nicht zu schwer dünkt 33 Offenkundig steht der Gestaltwandel der Götter selbst ganz im Zeichen dieser geistigen Athletik die die Umverteilung der ontologischen Begründungslasten von Gott auf den Menschen zum Ziel hat Indem Ziegler die traditionellen europäischen Stadien des Sprechens und Denkens über Gott angefangen von den Epochen griechischer Religiosität Erste Betrachtung über die Entstehung und Entfaltung des Christentums Zweite und Dritte Betrachtung bis hin zur deutschen Reformation Vierte Betrachtung und schließlich zur atheistischen Wissenschaftsreligion Fünfte Betrachtung als Formen der menschlichen Selbstverständigung und Selbsterkundung transparent zu machen versucht beteiligt er sich an der Aufgabe das auf den Mensch Gott ausgegebene Vivat wahr werden zu lassen Erworben um es zu besitzen hat der Mensch sein göttliches Erbe erst wenn er die alten Gedanken noch einmal denkt die alten Geschichten noch einmal sich erzählt diesmal aber so daß er selbst und nicht mehr Gott oder die Götter als eigentliches Subjekt dieser Gedanken als eigentlicher Held dieser Geschichten aufscheint Im Rahmen des kontemplativen Denkstils abendländischer Philosophie dem Ziegler als später Erbe angehört ist diese Übersetzungsarbeit selbst schon die Tat das Eine das not tut Opferung des alten Gottes damit der Mensch Gott lebe Überflüssig zu sagen daß eine gen technische Menschgott Verwirklichung wie sie heute als Möglichkeit im Raum steht beim Humanisten Ziegler auf heftige Ablehnung gestoßen wäre Ins Zentrum seiner Aufmerksamkeit treten dann vor allem jene traditionell unter Häresieverdacht stehenden religiösen Strömungen die dem Menschen seit jeher ein besonderes Intimverhältnis zu Gott nachsagen und seiner Mitwisserschaft um göttliche Geheimnisse keine Grenzen gesetzt sehen also namentlich die Mystik und deren theosophisch spekulative Umrahmungen Die Mystiker erscheinen nun als die ins mysterium deofactionis Eingeweihten die es sozusagen immer schon gewußt haben das heißt die in einer naiven und zugleich hochbewußten Rede das Geheimnis der Gottesgeburt in der menschlichen Seele aussprachen Weisheit war der traditionelle Name für dieses Eingeweihtenwissen das im Rückblick nur um Haaresbreite von der modernen anthropologischen Religionskritik entfernt liegt so grundverschieden beider Selbstverständnis und Motive selbstredend auch sind So kommt es auch daß Ziegler vom Buch Zohar der Kabbala sagen kann es scheine sein ganzes Mysterium der Gottlosen auf eine großartige Weise vorwegzunehmen 34 Die herausragendste Gestalt in der Ahnenreihe dieser gottlos Frommen ist jedoch außer Buddha dem Ziegler ein eigenes Buch widmen wird 35 und zumindest im Westen Meister Eckhart Und wenn in unserer Zeit ein Jakob der wie kein Zweiter mit seinem Engel rang das scheinbar frechste in Wahrheit aber frömmste Wort gesprochen hat gäbe es Götter ihr Freunde wie hielten wirs aus nicht Gott zu sein wohlan der ketzerische deutsche Meister hat es nicht ausgehalten von seiner Ewigkeit nicht den richtigen Gebrauch zu machen und hat derart vor sechshundert Jahren dem lästerlichen Frager von gestern und von morgen die schuldige Antwort in aller Deutlichkeit gegeben Du bist Gott ich bin Gott sobald du und ich auf den Grund unserer Seelen tauchen und den Gegenwurf der Dinglichkeit und Mannigfaltigkeit verabscheiden Wahrhaftig und gewiß du bist Gott und ich bin Gott und wir beide sind Schöpfer Erlöser Wesenheit Ewigkeit Heil Gnade Dauer höchstes Gut und Ziel zumal falls wir nur fortschreiten wollen zur nächsten Armut zur Entwirklichung dieser Welt und zur Entselbstung dieses unseres Selbst 36 Der frechste und zugleich frömmste Jakob unserer Zeit ist natürlich Nietzsche und an dieser Stelle wird nun vollends deutlich wieso ihm Ziegler die freche Verfluchung des Christentums im Namen des Übermenschen als verkappte Frömmigkeit auslegen muß In Wahrheit ist nämlich mit der mystischen Selbstvergottung der Seele wie von Meister Eckhart und anderen Mystikern beschrieben ein unüberbietbares Übermenschentum gesetzt dessen archetypischer Prägekraft auch Nietzsches angeblich so unheiliger Übermensch nicht entkommt Geht man diesem neu und revolutionär wirkendenKonzept auf den Grund so stößt man auf das Bild des ewigen Menschen dessen Realisierung in dieser Welt traditionell das Kennzeichen des Heiligen war Die Antwort auf den lästerlichen Frager eines jeden möglichen morgen ist also längst im gestern gegeben es kommt nur darauf an sie in die heutige Sprache zu übersetzen 37 VI Es macht Leopold Zieglers Anschlußfähigkeit für moderne Geister aus Anschlußnotwendigkeit sogar für jeden Versuch das Verhältnis zwischen Tradition und Moderne nach dem Ende der postmodernen Konjunktur neu zu bedenken daß er nicht einfach für eine Rückkehr zur Tradition oder ein Festhalten an ihrem Weisheitsschatz plädierte sondern von der Intuition geleitet war Religion müsse um auch künftig mehr als nur subkulturelle Relevanz zu besitzen durch die Feuerprobe der Modernität in all ihren Facetten hindurchgehen 38 Mit seinem Eintreten für eine postnihilistische Religiosität für eine Religion des Trotzdem und des Als Ob positioniert er sich offenbar zwischen zwei gleichermaßen inakzeptablen Alternativen Einerseits gilt es die Herrschaft des letzten Menschen zu verhindern dessen Banal Atheismus und Verweigerung jeglichen Opfers ruinöse Auswirkungen auf Seele und Kultur hat 39 andererseits darf es die neu alte Religiosität aber keinesfalls zu billig geben darf sie kein erschöpftes Zurücksinken in die Arme der Mutter Kirche sein wie es nach dem Krieg auch und gerade unter Intellektuellen üblich wurde Nur keine Frömmigkeit aus Schwäche nur kein Glaube aus Ekel nur kein Gott aus dem horror vacui nur kein Kultus des Unsinnigen aus Ungenügen am Sinnhaften nur keine Metaphysik aus Übelkeit an der Physik nur keine Theologie aus Mutlosigkeit über die Kosmologie nur kein Dogma aus Verzweiflung an der Kritik nur keine Übergabe an den Okkultismus aus der Unvermeidlichkeit eines gewissen Irrationalismus Lieber noch ein tapferer Nihilismus als die Fußfälle der Zerbrechenden und Gebrochenen 40 Ziegler belegt hier mit seinem Bannfluch was Oswald Spengler die zweite Religiosität genannt hat Gemeint ist ein verlogener und substanzloser Aufguß vergangener Glaubensinhalte die keine wirkliche Verbindlichkeit mehr besitzen ein postmoderner Religionssupermarkt ante literam Während Spengler Religion im Stadium der fortgeschrittenen Zivilisation nur noch in diesem äußerst defizienten Modus für denkbar hält der wirkliche Glaube ist noch immer der an Atome und Zahlen aber es bedarf des gebildeten Hokuspokus um auf die Länge ertragen zu werden 41 kann Zieglers gesamtes Lebenswerk als eine Wette darauf gelten daß eine zweite Religiosität möglich ist die mit der ersten zwar nicht identisch sein wird sie aber ohne Verluste beerben kann Was Spengler nicht gebührend beachtet auch der Glaube an Atome und Zahlen ist ein Glaube und zwar ebenso an Götter wie es Wotan und Jahve waren ein Glaube an Götter in gewandelter Gestalt Anders als für Horkheimer und Adorno die in kritischer Absicht den dialektischen Umschlag von Aufklärung in Mythologie betonen sichert für Ziegler solch mythische Grundierung des modernen Geistes die Kontinuität der Tradition und gibt damit Anlaß zur Hoffnung nicht zur Kritik Naturwissenschaft ist ursprünglich ein Mythos Atheos und damit weit davon entfernt den mythischen Anfängen des menschlichen Geistes enthoben zu sein Vielmehr es loht und lodert des Lebendigen Gottes feuriger Atem nicht minder erregend in und hinter den abgezogensten ja erkünsteltsten und erfundensten Begrifflichkeiten unserer paradigmatischen Wissenschaft die sich Mechanik nennt und sich das Ganze der Welt als einen durchgängigen Mechanismus gefügig gemacht zu haben behauptet Just diese Kapitel das erste und das letzte also der Welt als Maschine heißt es in spätem Rückblick auf den Gestaltwandel der Götter weiter schienen mir unabdingbar zu einer Theologie des lebendigen Gottes zu gehören 42 Heute würde Ziegler den Atem des lebendigen Gottes viel eher noch im kybernetisch systemtheoretischen Paradigma wiederfinden worin Mechanizismus und Organizismus mittlerweile aufgehoben sind 43 Eine positivistische Wissenschaftsreligion à la Comte ist damit allerdings nicht gemeint Zieglers menschenrühmende Theorie hält zu den Ernüchterungs wie zu den prometheischen Ermächtigungsdiskursen der Moderne gleichermaßen Distanz Freimütig bekennt er daß der Gedanke der Weltheiligung im Gestaltwandel nachmals auf das homerische Zeitalter historisch projiziert wurde 44 und legt damit seine auf die Gegenwart zielende Wiedervergöttlichungsabsicht offen Verklärung geht ihm vor Erklärung Deshalb und insbesondere mit Blick auf den Ausdruck Bocksgesang der im ersten Kapitel für Tragödie steht ist man versucht den Gestaltwandel als einen einzigen anschwellenden Bocksgesang zu lesen Rund siebzig Jahre vor Botho Strauß spricht auch aus ihm die Überzeugung daß es verhängnisvoll ist keinen Sinn für Verhängnis mehr zu besitzen unfähig zu sein Formen des Tragischen zu verstehen 45 Und wie für Strauß gibt es schon für Ziegler kein Zurück zur tragischen Weltsicht es sei denn in der paradoxen Form einer freien Einwilligung ins mensch göttliche Verhängnis 46 VII Anachronistisch aber nicht unpassend könnte man die positiv gewendete zweite Religiosität Zieglers eine Religion zweiter Ordnung nennen Der Ausdruck zweite Ordnung bezeichnet in der Systemtheorie ein strukturelles Mehr an Reflexion das durch die Umstellung von Was Fragen auf Wie Fragen zustande kommt wobei die erste Ordnung hier die naive Religiosität in der zweiten nicht verlorengeht sondern der Substanz nach voll erhalten bleibt Ist dieser zusätzliche Reflexionsschritt einmal getan dann kommt das einer Vertreibung aus dem Paradies der naiven religiösen Dogmen

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  • Leopold-Ziegler-Stiftung: Max Lorenzen: Demokratieanalyse und Utopie. Leopold Zieglers Kritik der modernen Gesellschaft
    Interessenverbänden umsehen sie stellen allerdings gemeinsam mit einer anderen Instanz die dem modernen Staat entsprechende und von ihm auch tolerierte Form des Zusammenschlusses der Bürger dar Welches ist die zweite Instanz Natürlich und wiederum so ganz und gar nicht natürlich die Partei S 27 Wer den ständisch geschichteten Staat verneint verschreibt sich schier zwangsläufig dem Parteistaat ebda In den Sätzen 13 15 liefert Ziegler eine klassische und wohl auch unwiderlegliche Kritik der Parteiendemokratie In ihr kann die eigentliche Wahl nur unter der Bedingung einer Vor Wahl stattfinden welche die der Partei genehmen Vertrauensmänner aufstellt und der Masse der Wahlberechtigten empfiehlt Und die Wahl als solche bestätigt höchstens die Vorwahl und ist im übrigen bloßer Trug und Schein S 28 Warum aber Kraft einer überaus seltsamen Unterstellung die schon mehr den Charakter eines Gedankensprunges hat gilt jetzt auf einmal der gewählte Vertrauensmann seiner Partei für den Vertrauensmann seines Volkes S 29 Die Parteien wählen aber ihre Gewählten sind Abgeordnete des Volkes nicht der Partei vertreten ihr Volk in seiner Gesamtheit vertreten nicht ihre Partei Mit dieser überaus sonderbaren Auslegung des Wahlvorganges steht und fällt das demokratische System S 29 f Die Demokratie lockert nach Ziegler unweigerlich die natürliche Bindung zwischen Wähler und Abgeordneten und macht die Wählerschaft statt mit einem lebendigen Menschen mit ein paar Namen auf einem gedruckten Stück Papier bekannt S 31 Wer würde ernsthaft bestreiten dass sich hieran auch in den Zeiten des Fernsehens und anderer Massenmedien nichts geändert hat Das Dilemma ist unausweichlich Hier gibt es entweder noch etwas wie eine Wahl dann aber keine echten Volksvertreter weil in einer wirklichen Wahl nur eine kleine Gemeinschaft an die Urnen gehen dürfte Oder es gibt Volksvertreter und dann keine eigentliche Wahl weil diese Vertreter von den Parteien vorausbestimmt werden und eben deswegen eine unübersehbare Zahl von Individuen repräsentieren sollen S 32 Eine Versöhnung dieses Widerstreites sei innerhalb des demokratischen Zustandes nicht abzusehen Fassen wir das vorläufige Ergebnis zusammen der Autonomie und dem Selbstbestimmungsrecht des einzelnen Bürgers steht ein Parteienstaat gegenüber dessen Interessenverbände zwangsläufig jede freie und unabhängige Wahl unterlaufen Die Masse der Einzelnen jedoch pocht als die Gesamtheit der Wollenden an die Pforte des Staates S 33 Ortega y Gasset formuliert in klar konservativer Ausprägung eine Konsequenz dieser Sehweise Heute wohnen wir dem Triumph einer Überdemokratie bei in der die Masse direkt handelt ohne Gesetz und dem Gemeinwesen durch das Mittel des materiellen Drucks ihre Wünsche und Geschmacksrichtungen aufzwingt Der Aufstand der Massen S 77 Damit ist auch das Problem der von den modernen Medien betriebenen Geschmacksvermassung angesprochen die von der heutigen Kulturindustrie universell wahrhaft weltweit produziert wird Die vor nicht un demokratische Analyse Zieglers und y Gassets dieses Phänomens wäre zu korrigieren indem man sich jedoch ihrer grundsätzlichen Einsichten bedient Hier lägen Möglichkeiten einer Medienanalyse die tiefer ginge als die modische Redeweise von Simulacren à la Baudrillard Im siebzehnten und achtzehnten Satz seiner Schrift zeigt Leopold Ziegler wie sich die verschiedenen Grundfaktoren der modernen Gesellschaft gegenseitig bedingen und ein Beziehungsgeflecht schaffen das ausmacht was er mit Eugen Diesel das Überreich S 40 nennt Entwickelt sie die bürgerliche Gesellschaft nämlich als ihren politischen Stil die Demokratie so entwickelt sie als ihren ökonomischen Stil die kapitalistische Geldwirtschaft als ihren technischen Stil die allgemeine Anwendung von Arbeits und Kraftmaschinen als ihren mentalen Stil die hemmungslose Verwissenschaftlichung des Geistes Tatsächlich ist in allen vieren derselbe harte Willen am Werk die Wirklichkeit der Menschen und der Dinge rational zu meistern Wer mithin Demokratie sagt meint unfehlbar einen bestimmten Staat dem eine bestimmte Wirtschaft eine bestimmte Technik eine bestimmte Geistigkeit in jedem Zuge haargenau entspricht S 35 An einem besonderen Merkmal der modernen Demokratie nämlich der Freizügigkeit der Person verdeutlicht Ziegler dass die demokratischen Grundwerte ebenfalls eine ökonomische Bedeutung haben Jede Person hat das vorgeblich angeborene Recht ihren Wohnsitz nach eigenem Belieben zu wählen Die Freizügigkeit der Menschen spiegelt sich in derjenigen der Sachen besonders jedoch in einer nämlich dem Kapital vgl S 36 dessen freier Fluss allerdings die conditio sine qua non der kapitalistischen Wirtschaft ist Ziegler sieht und beschreibt die Anfänge dessen was heute die mobile Gesellschaft heißt Dem freizügigen Gelde welches unabänderlich der höheren Rente nachläuft folgt der freizügige Mensch wie ein witternder Hund einer schweißenden Fährte Längst hat ihn seine vielgeliebte Wissenschaft dazu erzogen die ganze Wirklichkeit der Dinge auf Zahlen oder Gleichungen zwischen Zahlen zurückzuführen und so auch sämtliche Werte des Lebens auf den runden Hauptnenner Geld S 37 Die von der modernen Demokratie vorausgesetzte und gestiftete Freizügigkeit der Person spiegelt sich in derjenigen von der Technik ermöglichten des Geldes Und beide zusammen zeugen miteinander den neuen Typus des modernen Nomaden mit seiner ganz besonderen Mentalität den wir nunmehr als den geschichtlichen Träger des Systems anzusprechen haben S 38 Zieglers selber vor moderne Ausdrucksweise erschwert heute den Zugang zu seiner Analyse andererseits bietet sie die unschätzbare Möglichkeit gesellschaftliche Entwicklungen denen wir in einem damals unvorstellbaren Ausmaß unterliegen durch ein Auge wahrzunehmen das sie von außen von ihrer anderen Seite her betrachtet Fassen wir zusammen die Grundform der modernen Rationalität durchdringt alle Gebiete des Lebens Sie schafft einen sich seit der beginnenden Neuzeit entwickelnden Begriff von Wissenschaft der sich siegreich gegen alle überkommenen Glaubensvorstellungen durchsetzt Diese auf Anwendbarkeit ausgerichtete Wissenschaft stellt der kapitalistischen Produktionsweise eine Technik zur Verfügung die den ihr inhärenten Globalisierungstendenzen zur endgültigen Realisierung verhilft Der mentale Typus der diesen Entwicklungen entspricht beruht auf Traditionsverlust und Entmythologisierung und orientiert sich vorgängig an Kategorien von Profit und Nutzen Seine politisch gesellschaftliche Form ist die bürgerliche Demokratie mit ihrem Parteiensystem Die von Ökonomie und Politik miterzeugten neuen Werte Vernunftherrschaft Freizügigkeit und Autonomie der Person Recht auf individuelle Selbstbestimmung setzen die Vermassung den Verlust der Orientierung der in der Gesellschaft vereinzelten Individuen voraus die nun in der Gefahr stehen von den im zwanzigsten Jahrhundert von Staat und Wirtschaft entwickelten Instrumentarien der Massenlenkung und beherrschung erfasst zu werden Diese Lenkung greift von vornherein über die Bereiche der Arbeitsorganisation oder der politischen Institutionen hinaus und zielt auf die Privatsphäre der Menschen Gerade sie soll kommerzialisiert also den Gesetzen der ökonomischen Verwertungsmaschinerie unterworfen werden Was Adorno und Horkheimer fünfzehn Jahre später in der Dialektik der Aufklärung Kulturindustrie nennen skizziert Ziegler 1931 so die seelenbetäubende Überschwängerung unseres Bewusstseins mit optischen und akustischen Sinnesreizen die sich in jedem Augenblick unseres Daseins ungerufen auf uns stürzen dürfen wird produziert von einer Technik des Spiels der Unterhaltung des Genusses die sich für die heutigen Völker vielleicht noch bedrohlicher auswirkt als jene die Technik der Arbeit nämlich mit ihrer riesigen Apparatur diese Technik des Spiels raubt dem ruhesuchenden Menschen sein bisschen Muße und hetzt ihn je und je in einen Dauerzustand seelischer Übererregung S 62 Die ganze Welt Völker und einzelne ist demoralisiert fasst Ortega y Gasset Der Aufstand der Massen S 200 eine paradoxe Entwicklung zusammen die die von Ziegler angeführten bürgerlich demokratischen Werte zugleich stiftet und abschafft oder zumindest relativiert Dieses Doppelwesen gesetzt und im Setzen wieder aufgehoben zu werden gehört zu ihrer Struktur Hierin liegt der eigentliche Grund weswegen Nietzsches Zeit Diagnose den Kern der kapitalistischen Gesellschaft trifft Ihren Werten muss das gegensätzliche Pendant das sie aushöhlt immer beigeordnet sein Die Bedingung ihrer Geltung ist ihr nihilistischer Untergrund Welchen destruktiven Umformungen das Bewusstsein der Moderne ausgesetzt war wird vielleicht von Rilke am besten verdeutlicht in einer Passage des an seinen polnischen Übersetzer Witold Hulewicz gerichteten berühmten Elegien Briefs aus dem Jahr 1925 Noch für unsere Großeltern war ein Haus ein Brunnen ein ihnen vertrauter Turm ja ihr eigenes Kleid ihr Mantel unendlich mehr unendlich vertraulicher fast jedes Ding ein Gefäß in dem sie Menschliches vorfanden und Menschliches hinzusparten Nun drängen von Amerika her leere gleichgültige Dinge herüber Schein Dinge Lebens Attrappen Ein Haus im amerikanischen Verstande ein amerikanischer Apfel oder eine dortige Rebe hat nichts gemeinsam mit dem Haus der Frucht der Traube in die Hoffnung und Nachdenklichkeit unserer Vorväter eingegangen war Die belebten die erlebten die uns mitwissenden Dinge gehen zur Neige und können nicht mehr ersetzt werden Wir sind vielleicht die Letzten die noch solche Dinge gekannt haben Rainer Maria Rilke Briefe Wiesbaden 1950 S 898 f Rilke beschreibt hier in wenigen Sätzen einen ungeheuren Prozess in dem eine ganze aus traditionsverhafteten Strukturen bestehende Welt durch eine andere gleichsam ungeschichtliche ersetzt wird Der untergründige Nihilismus ihrer Werte dringt in den Alltagsbereich der Menschen ein und formt buchstäblich die Dinge des Gebrauchs damit aber letztlich auch alle ästhetischen im weitesten Sinne kulturellen Produkte um Das zwanzigste Jahrhundert schafft die auratische oder numinose Erfahrung von der Rilke spricht weitestgehend ab und setzt an ihre Stelle eine Beziehung von rationaler Bewertung und Streben nach individueller Befriedigung Erst hieraus wird deutlich welchen Umfang und welche Bedeutung die von Ziegler analysierte Relation von moderner Rationalität Ökonomie und Politik sowie der Transformation von Werten in Zahlen oder Gleichungen zwischen Zahlen S 37 also der Merkantilisierung von Zwecken hat Der Bereich in dem es belebte erlebte ja uns mitwissende Dinge gibt der Ding Begriff den Rilke besonders in seinem Rodin Buch entwickelt kann hier nicht weiter untersucht werden ist dem anderen der leeren und gleichgültigen Dinge entgegengesetzt Der erste konstituierte sich indem nicht nur äußere sondern innere Geschichte das Gegenteil bloß subjektiver Intentionen und Setzungen sich gerade auch in den Gegenständen des täglichen Bedarfs sedimentierte der andere bringt den in den Produkten des Marktes verborgenen Nihilismus nach außen es entsteht eine Umwelt deren Gegenstände gleichgültig ob Kleidung oder Häuser im philosophischen wie im buchstäblichen Sinn austauschbar werden Das Reservoir der aufs äußerste gefährdeten kollektiven oder Geschichtsprozesse die auch Rilke im Auge hat nennt der frühe Ziegler und das erscheint uns heute als terminologischer Missgriff Volk Die entsprechenden Passagen in den fünfundzwanzig Sätzen sowie in Volk Staat und Persönlichkeit müssen nun genauer betrachtet werden nicht um auf Überholtes oder Verfehltes den Finger zu legen sondern zum einen um das utopische Staatsmodell Zieglers strukturell analysieren zu können zum anderen weil sich zeigen wird dass gerade diese Teile der Zieglerschen Theorie Ansätze zu einem Verständnis gesellschaftlich kollektiver Bewegungen enthalten die uns heute helfen können ihr Spezifisches überhaupt wieder in den Blick zu bekommen Lange Zeit galt alles was auch nur in die Nähe der nationalsozialistischen Begrifflichkeit kam nicht nur als obsolet sondern gleichsam als undenkbar Zieglers Begriffsverwendung hat sich in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Abgrenzung zur nationalsozialistischen Ideologie mit der er niemals gemeinsame Sache gemacht hat gewandelt An die Stelle der früheren Redeweise von Volk oder Volkheit tritt ein differenzierteres ethnologisches Vokabular so gerade im bereits genannten Werk Überlieferung Der Zusammenhang jedoch der späteren mit der früheren Wortwahl macht es möglich auch in den bis in die Anfang der dreißiger Jahre veröffentlichten Schriften Segmente einer Theorie kollektiv numinoser Prozesse auszumachen die nach wie vor und vielleicht gerade heute von Bedeutung sind Volk sei sagt Ziegler nicht rechnungsmäßig die Summe vieler Wollenden sondern müsse in einer noch gar nicht individuierten Tiefenschicht gesucht und gefunden werden Die Äußerungen des Volkes sind triebhaft und schon darum ungewollt schon darum freilich auch in Zeiten innerer Aufgewühltheit so über die Maßen unberechenbar wetterwendisch ausbrechend und bisweilen sogar unmenschlich ja ungeheuerlich Das Volk will nicht und braucht nicht zu wollen denn siehe es ist S 34 Ein Fazit strukturell gleichlaufend mit Ortega y Gassets Aufstand der Massen Rilkes Elegienbrief aber auch Walter Benjamins Theorie des Erfahrungsverlusts lautet die Masse das ist das Volk im Zustand seiner Selbstzersetzung S 42 Bereits in Volk Staat und Persönlichkeit lesen wir dass das Volk keinen Willen habe Denn es lebt und betätigt sich als solches erstens ohne Zwecke zweitens ohne Pflichten und ohne Normen drittens ohne Verantwortlichkeit und ohne Wahlfreiheit seiner Handlungen S 32 Das klingt merkwürdig genug und wird politisch zu jedenfalls prekären Schlussfolgerungen führen wendet man jedoch den Blick nicht gleich ab wozu uns eine beinahe instinkthafte Reaktionsweise auf eine Sprache die in der Nähe der reaktionären Ideologie jener Zeit steht führen möchte so kann man erkennen dass die Merkmale des Volks sich kaum von denjenigen unterscheiden die Sigmund Freud im unbewussten Teil der Psyche dem von ihm so genannten Es findet Auch das Es kennt keine rationalen Zwecke keine Pflichten und Normen und sein Wille ist gerade nicht der einer individuellen ihrer selbst bewussten Person Ziegler entdeckt die kollektiven Züge des Unbewussten die gerade nicht nach Art einer Massenpsychologie beschrieben werden können Mit Volk ist somit keineswegs die empirische Gesamtheit der Einwohner eines Staates gemeint sondern einfach die lebendige Zuständlichkeit in allen und an allen wofern sie noch nicht Persönlichkeit sind S 54 Aus dieser Interpretation würde dann folgen dass jeder einzelne in verschiedenen Graden Volk in verschiedenen Graden Persönlichkeit sein kann S 55 vgl hierzu auch besonders die Magna Charta einer Schule S 259 Frühestens hier ist also die utopische Stelle erreicht wo sich der Einzelne in seiner Eigenschaft als Gegenspieler der Gesellschaft innerlich selber aufspaltet in ein Triebfeld das nach wie vor alle Naturinstinkte mit dem Kollektivum teilt und in das eigentliche Individuum mit nunmehr persönlich gerichtetem Wollen und Denken Es ergibt sich Freiheit und Verantwortlichkeit sind Kategorien der Persönlichkeit S 53 Halten wir zunächst fest dass in jedem einzelnen etwas Vor Persönliches überdauert das ihn emotional existenziell mit dem Kollektiv dem er angehört verbindet In einer noch nicht individuierten Schicht leben kollektive Verhaltensmuster die sich wahrscheinlich in frühen Stadien der gesellschaftlichen Entwicklung gebildet haben und die weiterhin die Äußerungsformen und Empfindungsweisen der Menschen mitbestimmen und in gewissen Zeiten der kollektiven Auf oder Erregung in die individuelle Persönlichkeitstruktur durchbrechen ja sie außer Kraft setzen können in den Kreuzzügen in den ersten Zuckungen der deutschen Reformation im Wiedertäufersturm in den Bauernkriegen im französischen Krieg von der französischen Revolution und ihren deutschen Ausläufern spricht Ziegler nicht und zuletzt und am überwältigendsten zu Ausbruch des Weltkrieges S 45 Seit altersher besonders aber seit der Romantik werden in dieser kollektiven Schicht die wie ein dionysischer Chaos Bereich in der apollinisch individuierten Form überdauert die eigentlich schöpferischen Kräfte des Menschen angesiedelt Auch Ziegler spricht den Äußerungen der Volkheit Leben und lebendiges Wachstum zu und zählt zu ihren Produktionen kollektive Wesenheiten wie Sprache Mythos Sage Märchen Schrift Volkslied Ornamentik Architektur Recht Sitte und mehreres dieser Art S 61 Recht und Sitte unterscheiden sich offensichtlich von den Pflichten und Normen einer ethischen Disziplin Gemäß dieser Anschauung gilt aber dass in politischen wie in kreativen Prozessen die kollektive Grundschicht sich in ein individuelles Bewusstsein steigern muss um dem Formlosen Gestalt und Richtung zu geben So mögen die bildnerischen Kräfte eines Volkes noch so tief in der Seelenschicht unpersönlicher Unwillkür eingewurzelt sein damit ein bestimmtes Bauwerk eine Hochkirche eine Stadthalle ein Rathaus eine Festung ein Schloss entstehen muss ein einzelner Künstlerwille Risse entwerfen Ein einzelner Wille muss die Einheit aller vermittelnden Teilhandlungen jederzeit in sich darstellen ja er muss diese Einheit überhaupt erst stiften damit sie vorhanden sei S 62 f Nämlich die kollektive Handlung deren Einheit nicht aus der instinktiven Unwillkür volkheitlicher Tendenzen fließt bedarf des einheitstiftenden Willens der führenden oder unternehmenden Persönlichkeit ebda Dem hierarchischen Modell des Individuums entspricht wie wir gleich sehen werden zwangsläufig auch dasjenige des Staates aber mit gewissen bedeutenden Unterschieden Wer nun meint eine solche autoritär fundierte Theorie habe der Machtergreifung Hitlers zumindest den Boden bereitet muss auch zugeben dass die Marxsche Kapitalanalyse in einem ähnlichen Verhältnis zur stalinistischen Diktatur steht bereits der junge Marx führt in der Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie aus dass die Wissenschaft der politischen Ökonomie sich zum Proletariat verhalte wie der Kopf zum Leib Die Strukturäquivalenz zwischen konservativer und progressiver oder revolutionärer Theorie springt ins Auge Beide Male bedarf ein leibhaftes Kollektiv der Lenkung durch einen führenden Willen Bloch formuliert das 1935 so Praktisch vor allem halte ich es für falsch Proleten mit schweren Dingen zu behelligen Keine Propaganda hat je so gearbeitet Auch keine Lehrgewalt am wenigsten die erfolgreichste die katholische Kirche Das Programm der Wissenstotalität ist hier ein falsches schädliches Es genügen 15 um ein sehr klassenbewusster Prolet zu sein und so zu handeln Das andere ist Angelegenheit des Generalstabs oft nur seiner Versuchslaboratorien die Armee diskutiert keine schwierigen Probleme Ernst Bloch Briefe 2 Band S 490 an Joachim Schumacher Eine solche auch dieser Äußerung zu Grunde liegende Anschauungsweise der Verbindung von Kollektiv und Individuum ist tief in Philosophie und Literatur verankert Ich gebe nur ein kurzes Beispiel an Tagen wo die Menge Sich überbraust und eines Mächtigern Der unentschlossene Tumult bedarf Da herrscht er dann der herrliche Pilot nämlich Empedokles Hölderlin Der Tod des Empedokles in Sämtliche Werke 4 Band hrsg von Friedrich Beissner Stuttgart 1962 S 6 Mit anderen Worten die rechte wie die linke Theorie und deswegen haben diese Kennzeichen nur historische Bedeutung transportiert ein vordemokratisches Gesellschafts und Persönlichkeitsmodell das notwendig bei der politischen Umsetzung scheitern musste Allerdings tragen beide theoretischen und politisch praktischen Strömungen ihren Anteil Schuld an den Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts Aber weder Marx oder Bloch noch Ziegler legitimieren deswegen die stalinistische oder nationalsozialistische Massenvernichtung Trotzdem bleibt bestehen dass die im weiteren und engeren Sinne modernen Fortschrittsmodelle einen autoritären Kern haben der den von ihnen propagierten Zielen widerspricht Auf welche Weise möchte nun Leopold Ziegler das Überreich das die kapitalistische Produktion und den Parteienstaat umfasst reformieren Zunächst gilt Denn in Wirklichkeit vermag sich kein ernsthafter Mensch mehr ein politisches Dasein ohne Menschenrechte zu denken einen Arbeitsvorgang ohne Maschine eine Wirtschaft ohne Kapital ein geistiges Leben ohne Wissenschaft S 46 Damit ist klar gesagt dass der Autor der Fünfundzwanzig Sätze vom Deutschen Staat keine Rückkehr in absolutistische Verhältnisse imaginiert Aber für Ziegler ist unbezweifelbar die heutige Demokratie als Partei Klassen und Massenstaat ist die klassische Staatsform gegen das Volk S 46 Um Staat für das Volk zu werden muss sie recht und schlecht aufhören Demokratie zu sein ebda nämlich Demokratie im falschen oben beschriebenen Sinne Die Idee Zieglers an die ständischen Restgebilde der Gesellschaft anzuknüpfen um einen neuen hierarchisch demokratischen Körperschaftsstaat zu errichten soll hier nicht im Einzelnen beschrieben werden Nur so viel im Körperschaftsstaat wird die fingierte Unterstellung des Volksvertreters preis gegeben und damit die Wahl als solche gerettet S 48 jede einzelne Körperschaft soll ihre Vertrauensleute wählen aus deren Zahl die nächst vorgesetzte Behörde hervorgehen soll die dann ihrerseits wieder die nächsthöhere Behörde wählt dies fortgesetzt bis zur Wahl der obersten Behörden die

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  • Leopold-Ziegler-Stiftung: Otto Flake über Ziegler (1925)
    Buches folgendermaßen der gegenwärtige geistige und seelische Zustand Deutschlands flößt Besorgnis ein man muß zu den Quellen zurückgehen in der Geschichte wird nicht nur der empirische Charakter einer Natur sichtbar sondern auch die Intention die Idee und das Ideal ihres Daseins Er folgt der Lebenslinie des deutschen Volkes und bei seinem profunden Wissen seinem schöpferischen Denken entstand eine innere eine platonische Geschichte des deutschen Wesens die Sinngebung ist Aber sie

    Original URL path: http://www.leopold-ziegler-stiftung.de/texte/27/otto-flake-ueber-ziegler-1925 (2016-02-14)
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  • Leopold-Ziegler-Stiftung: Gerhard Wehr: „Überlieferung“
    her als heilige Lehre natürlich nicht mißzuverstehen als eine von außen kommende Belehrung Um dieses Mißverständnis gar nicht erst aufkommen zu lassen fügt er hinzu daß Wort und Begriff von Doxa auch über die Lehre der Rechtgläubigen weit hinausweist Nach evangelischem Sprachgebrauche nämlich hinausweist auf die unmittelbare Selbstvergegenwärtigung desselben Heiligen welches Vorwurf und Gegenstand der heiligen Geschichte und der heiligen Handlung ist hinausweist mithin auf die Selbstvergegenwärtigung des Gottes als solchen Das damit Gemeinte umkreist Ziegler indem er ein Grundwort der hebräischen Mystik einfügt Schechina in der Kabbala ist sie Ausdruck der lichttragenden Gottesgegenwart auf Erden Sie ist eben qualitativ mehr als bloße Lehre insofern sie sich selbst bezeugendes und sich selbst beglaubigendes Ereignis ist Doxa Schechina als das keinen Vergleich duldende Lichtereignis Wir bewegen uns in der Sphäre der Verklärung des Christus Und in der Tat meint Leopold Ziegler durch die Beschwörung mit dem Zeichen des Kreuzes keinen anderen als ihn den letzten Adam Eschatos Adam den Repräsentanten des ewigen Menschen Von ihm kann legitimerweise nicht gesprochen werden ohne daß von der Begegnung des Männlichen und des Weiblichen die Rede ist Ziegler führt an dieser Stelle wohl zum ersten Mal innerhalb seines Gesamtwerkes die Große Mutter Magna mater ein Vater Gott Sohn Gott und Geist Gott in der Gestalt der göttlichen Sophia vervollständigen das dreieinige Gottesbild Daß die göttliche Sophia hier erscheint kann nicht verwundern bedenkt man daß Leopold Ziegler aus der Schule eines Jakob Böhme kommt und bei dem großen Böhme Schüler des 19 Jahrhunderts Franz von Baader gelernt hat Und Böhme ist es gewesen der als Protestant lutherischer Prägung in einzigartiger Weise das Sophienbild in der westlichen Christenheit enthüllt hat zum Entsetzen mehr noch zur Beglückung von vielen Mit einem Wort Ziegler hat in seinem Werk Überlieferung die Überlieferung selbst zitiert einsichtig und transparent gemacht von Christus

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  • Leopold-Ziegler-Stiftung: Martha Schneider-Faßbaender
    waren die Reden Buddhas in der Übersetzung von Eugen Neumann Den Mönch dem wir freundschaftlich verbunden waren baten wir uns ein Buch zu nennen von einem Deutschen das über Buddha und Buddhismus unterrichtete Er gab zur Antwort Der Ewige Buddho von Leopold Ziegler Wir hörten damals zum erstenmal seinen Namen lasen nicht nur Den Ewigen Buddho sondern mit Begeisterung alle seine Werke Der Mönch hieß Govinda Er ging damals bald

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  • Leopold-Ziegler-Stiftung: Annemarie Schimmel
    Bücher Impressum Aufsätze Aus Essays und Kritiken Begegnungen und Erfahrungen Annemarie Schimmel Ich danke Ihnen für die Zusendung ihrer diesjährigen Veröffentlichungen unter denen ich die Leopold Ziegler Schrift mit besonderer Freude gelesen habe ich erinnere mich wie sehr ich von

    Original URL path: http://www.leopold-ziegler-stiftung.de/texte/34/annemarie-schimmel (2016-02-14)
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  • Leopold-Ziegler-Stiftung: Hans Heinrich Härlen: „Meine Begegnung mit Leopold Ziegler und seinem Werk“
    Werke erworben hatte Leopold Ziegler war beeindruckt von der Hingabe mit der ich mir seine Erkenntnisse anzueignen suchte In seinem Brief vom 1 10 1936 Briefe 1901 1958 Seite 332 schreibt er mir Vor allem bewegt mich der große Ernst und die schwäbische Gründlichkeit mit der Sie die Impulse der Überlieferung zu verarbeiten trachten Und wie mit Überlieferung so mit jedem seiner Werke Leopold Ziegler war seinen Lesern und Verehrern gegenüber von einer fast untragbaren Verantwortlichkeit erfüllt Briefe 1901 1958 Seite 332 und so suchte er sich in deren Welt hineinzufühlen und hineinzudenken woraus ihm dann zuweilen die eine oder andere Anregung zufloß Ich erinnere mich an zwei Anregungen die ich ihm für seine Arbeit geben konnte Einmal indem ich ihn auf Mereschkowskis Buch Geheimnis des Westens Atlantis Europa hinwies Ziegler war tief betroffen von der ungefähren Gleichzeitigkeit seiner und Mereschkowskis Gedanken über die Große Mutter Ziegler Apollons letzte Epiphanie Seite 119 Mein zweiter Hinweis betraf das Werk des evangelischen Theologen Rudolf Otto ein Hinweis den Ziegler mit lebhaftem ja leidenschaftlichem Interesse aufnahm Er ließ sich die Werke von Rudolf Otto kommen Von seiner intensiven Beschäftigung mit Otto zeugen die vielfachen Erwähnungen in seinem Werk Menschwerdung Sonst aber wie könnte es anders sein war Leopold Ziegler in unseren Gesprächen der Gebende Auch während meiner Bühnenlaufbahn blieb er der Praezeptor Germaniae besonders hinsichtlich meiner klassischen Rollen sei es nun Faust der Große Kurfürst Octavio Piccolomini Thoas Kandaules Immer wußte er das Wesentliche herauszugreifen und immer wieder aufs neue erwies sich wie stark er in unseren Klassikern wurzelte wie übrigens in den Dichtern überhaupt Es war für mich ein tief empfundenes Anliegen meine Gabe der Wort und Sprachgestaltung in den Dienst des Werkes Leopold Zieglers zu stellen Ich gab Ziegler Lesungen mit einführenden Worten in kleinen privaten Kreisen aber auch öffentlich unter

    Original URL path: http://www.leopold-ziegler-stiftung.de/texte/33/hans-heinrich-haerlen-meine-begegnung-mit-leopold-ziegler-und-seinem-werk- (2016-02-14)
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  • Leopold-Ziegler-Stiftung: Otto Flake
    Karlsruhe Er litt an einem Hüftgelenksgebrechen und hatte wohl seine Sorgen ein Philosoph dessen Bücher nur einer Elite verständlich waren Daß ein kleiner Kreis von Mäzenen sich seiner annahm gehörte zu den Verdiensten des Verlegers Reichl das größte kam Frau Ziegler zu die in der Sorge um ihren Gatten aufging Das saubere Häuschen war reizend ich wiederholte meine Besuche Wir kamen uns geistig nahe eben las ich seinen Ewigen Buddho

    Original URL path: http://www.leopold-ziegler-stiftung.de/texte/32/otto-flake (2016-02-14)
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