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  • Leopold-Ziegler-Stiftung: Ludwig Marcuse
    ist Zieglers erregendes Werk im Tiefsten Sehnsucht nach Religion sich öffnen für das Unbegrenzte nicht Einschließen des Unbegrenzten Zieglers Mysterien der Gottlosen sind ursprünglich Mysterien des tragischen nicht des religiösen Menschen sind Kampf nicht Friede sind Aufgabe nicht Erlösung Und nur durch die Zielsetzung der Entsühnung der Opferung und der Erlösung bringt dieser tragische Mystiker Weltdeutung und Kulturwille also Religion in sein über jeder Bindung schwebendes Gefühl Es ist Zieglers

    Original URL path: http://www.leopold-ziegler-stiftung.de/texte/39/ludwig-marcuse (2016-02-14)
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  • Leopold-Ziegler-Stiftung: Marc Jongen: Religion zweiter Ordnung
    millionenfachen sinnlosen Tod in den Materialschlachten des ersten Weltkriegs noch glaubwürdig waren Dieser Zwiespalt erzeugte eine mehr oder weniger paradoxe Mentalität die sogenannte Konservative Revolution Werte schaffen die zu erhalten sich lohnt so charakterisierte Arthur Möller van den Bruck die ansonsten wenig kohärente Geistesströmung Es handelt sich dabei um folgende Denkfigur Man übernimmt zwar den revolutionären konstruktivistischen Gestus der Moderne aber nicht um ein philosophisches oder gesellschaftliches Erneuerungsprogramm nach modernen aufklärerischen Prinzipien zu entwerfen sondern um nach dem Vorbild von Nietzsches befehlenden Philosophen eine neu alte Tradition zu konstruieren eine Tradition Als Ob Mit seinem Pathos der Tat seinem Willen zur Religion überhaupt gehört auch Zieglers Gestaltwandel der Götter in den Umkreis der Konservativen Revolution Allerdings ist sein Gestus verglichen etwas mit dem von Ernst Jünger oder Carl Schmitt geradezu milde und human da es ihm ganz abgesehen von seinem eingefleischten Antimilitarismus im Politischem von vornherein darum zu tun ist einen zeitlosen Kern der Religion zu finden der trotz allem Gestaltwandel der Götter erhalten bliebe Die Entscheidung für das alte Wahre ist eigentlich immer schon getroffen Denn im Grund besteht kaum viel Zuversicht daß künftighin etwas geschehe oder entstehe was bisher überhaupt noch nie und nirgends oder gewesen war Kindisch ist der Glaube an menschliche Zukünfte die sämtliche menschheitliche Vergangenheiten auf den Kopf stellten und mit den Beinen strampeln ließen und gereifte Geister gereifte Seelen werden von allen künftigen Äonen höchstens nur vollere Verwirklichung erwarten was immer eigentlich beabsichtigt noch nie aber durchzusetzen war In dieser Passage kündigt sich bereits der spätere Denkweg des Autors an der ihn in deutlicher Analogie übrigens zur Entwicklung der Romantik immer tiefer in die Vision einer integralen Tradition im Zeichen des christlichen Kreuzes führen wird Nachdem im Ewigen Budhho zunächst noch ein weiterer Schritt in Richtung auf eine atheistische Religionsphilosophie erfolgte ging das labile

    Original URL path: http://www.leopold-ziegler-stiftung.de/texte/38/marc-jongen-religion-zweiter-ordnung (2016-02-14)
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  • Leopold-Ziegler-Stiftung: Rufus Flügge: Betrachtungen
    aufgezeichnet Warum auch für wen Er prägte es prägte Das Auge wurde geweitet Der Blick aus dem Fenster gehörte dazu aber noch mehr schaute ich stets auf das Bild an der Wand den Frauen Akt von Carl Hofer Und ich verstand so gut wie sich hier Ferne und Nähe Geist und Leib trafen Es ist mir während ich dies schreibe erstaunlich wie sehr dieses Frauenbild in meiner Vorstellung mit L

    Original URL path: http://www.leopold-ziegler-stiftung.de/texte/37/rufus-fluegge-betrachtungen (2016-02-14)
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  • Leopold-Ziegler-Stiftung: Leopold Ziegler. Eine Schlüsselfigur im Umkreis des Denkens von Ernst und Friedrich Georg Jünger.
    Zieglers wird von Jünger aber in sein Gegenteil verkehrt aus der philosophisch fruchtbaren Konzeption einer mystischen Teilhabe wird die theoretische Sackgasse einer magischen Identitätstheorie Der Aufweis dieser Differenz erlaubt es Zieglers Denken das in seinem Kern der Versuch einer zeitgemäßen Erneuerung der Philosophia Perennis mit den Mitteln einer negativen Geschichtsphilosophie ist gegen das Konstrukt der sogenannten Konservativen Revolution abzugrenzen Der Autor Timo Kölling lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in Frankfurt am Main Seit März 2007 Arbeitsstipendium der Leopold Ziegler Stiftung Inhaltsverzeichnis Timo Kölling Leopold Ziegler Eine Schlüsselfigur im Umkreis des Denkens von Ernst Jünger und Friedrich Georg Jünger I KAPITEL Der Vorrang des Heiligen in Leopold Zieglers Spätphilosophie 1 Einleitung 2 Die geschichtsphilosophische Konstellation 3 Rudolf Ottos Phänomenologie des Heiligen 4 Die Denkfigur des Ordo Inversus bei Novalis 5 Leopold Zieglers negative Geschichtsphilosophie II KAPITEL Ernst Jüngers Buch Der Arbeiter 1932 als Manifest einer magischen Geschichtsphilosophie 1 Politische Publizistik Die Verwandlung des Lebens in Kraft 2 Der Essay Die Totale Mobilmachung 1930 als unvollendete Kritik des Fortschrittsbegriffs 3 Der Arbeiter als metaphysische Gestalt 4 Die stereoskopische Wahrnehmung als magischer Schlüssel 5 Die Einheit von Magie und Wille zur Macht Die Kritik Walter Benjamins 1930 6 Der Übergang von der Veränderung zur Konstanz und die organische Konstruktion III KAPITEL Leopold Zieglers Gestaltwandel der Götter 1920 ein Schlüsseltext für das Verständnis von Ernst Jüngers Theorie des Arbeiters 1 Verlust und Wiederherstellung des Heiligen 2 Vom Überlieferungsbruch des Nominalismus und der Reformation zur Welt als Maschine 3 Das metaphysische Prinzip der Arbeit und der Übergang von der Welt als Maschine zur Welt als Organismus 4 Kritik des Fortschrittsbegriffs und Theorie der Geschichte 5 Ernst Jüngers magische Identitätstheorie als Nivellierung von Leopold Zieglers mystischem Teilhabegedanken IV KAPITEL Zwischen Philosophia perennis und Konservativer Revolution 1 Die geschichtsphilosophische Dimension der Philosophia perennis 2 Anmerkungen zur

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  • Leopold-Ziegler-Stiftung: Leopold Ziegler. Mythos - Logos - Integrale Tradition. Beiträge zum Werk, Band 2
    aber noch immer lesenswerten Beiträgen stehen sechs neue gegenüber die Zieglers Philosophie auf zeitgenössische Weise weiterzudenken bemüht sind Allen Beiträgen jedoch ist gemeinsam dass sie sich Zieglers Idee der Weltverwurzeltheit unterstellen und auf drängende gesellschaftliche Fragestellungen abheben Dies machen gleich die beiden ersten Beiträge deutlich die beide Zieglers Verhältnis von Mythos und Logos gelten Beide Begriffe sind für Ziegler zentral ja sie bilden geradezu die Grundthemen seines Denkens von Ur Überlieferung frühmenschlicher Geschichte bis herauf zum Mythos Atheos zum Allgemeinen und Ewigen Menschen Schritt für Schritt ist Ziegler diesem Entwicklungsweg nachgegangen bis er in seinem Hauptwerk die Einheit von Mythos und Logos im Allgemeinen Menschen fand Doch findet diese Tendenz naturgemäß ganz verschiedene Darstellungen Oskar Köhler der ebenfalls aus Karlsruhe stammende Kirchenhistoriker und Gründer der Zeitschrift Saeculum geht in Mythos und Geschichte der Menschheit von der Frage nach dem Wesen des Menschen aus und verteidigt mit Ziegler den Mythos als eine Kategorie sui generis Hymnische Jüngerschaft jedoch als untunlich ablehnend relativiert er den mythischen Erklärungsansatz Zieglers zugleich ein Stück weit denn die Erforschung des Mythos könne den Ursprung der Menschheit ebenso wenig erklären wie die wissenschaftliche Anthropologie Dem Lebenswerk Zieglers attestiert Köhler aber dass es den Leser vor einen Horizont führe innerhalb dessen sich sowohl die Entwicklung zum Allgemeinen Menschen als auch zu der uns auferlegten Einen Menschheit vollziehe Letztere sei nicht durch Verabredungen herzustellen sondern nur durch eine von den Ursprüngen ausgehende Überlieferung sei der Mensch doch keiner geschichtlichen Wiederholung fähig wohl aber der Wieder Holung Timo Kölling derzeitiger Stipendiat der Leopold Ziegler Stiftung und Autor einer soeben erschienenen Studie über den Einfluss Zieglers auf das Denken von Ernst und Friedrich Georg Jünger behandelt das Verhältnis von Mythos und Logos als das Grundthema Zieglers Dabei geht es ihm unter anderem um eine begriffliche Klärung dessen was beim Schritt vom mythischen zum rationalen Denken eigentlich geschieht und was die Unterordnung des einen unter das andere für den geistesgeschichtlichen Prozeß bedeutet Vom Kontext einer metaphysischen Philosophie gelangt Kölling auf deren kulturkritische Strömung der er unter anderen Ziegler als Vertreter der Integralen Tradition zurechnet Den Begriff der Verwissenschaftlichung der eine kritische Haltung gegenüber dem Logos zum Ausdruck bringt sieht er durchaus im Zentrum von Zieglers Lebenswerk Allerdings erschöpft sich wie Kölling zeigt der Begriff des Logos für Ziegler nicht in diesem Prozess Es gebe einen doppelten Weg vom Mythos zum Logos einen griechischen und einen jüdischen und was in der geschichtlichen Entwicklung des Judentums an die Stelle des mythischen Bildes trete sei nicht zuerst der rationale Begriff sondern der göttliche Name In dieser Bedeutung wird so Kölling Logos zum Grundwort von Zieglers Spätphilosophie die nicht eigentlich einer Wiederentdeckung sondern vielmehr ihrer Entdeckung überhaupt harre Bemesse man einen Schriftsteller gemeinhin danach ob er sich auf der Höhe seiner Zeit bewege so gehöre Ziegler zu jenen wenigen Denkern bei denen dieses Verhältnis sich in scheinbar paradoxer Weise umkehre Köllings Anspruch geht dahin zu zeigen dass Ziegler die zu seiner Zeit herrschenden Standpunkte auf eine philosophische Konzeption hin zu überwinden verstand die noch heute der

    Original URL path: http://www.leopold-ziegler-stiftung.de/buecher/20/mythos-logos-integrale-tradition (2016-02-14)
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  • Leopold-Ziegler-Stiftung: Manfred Bosch: Zur insgeheimen Aktualität Leopold Zieglers
    meinte den vollkommen selbstverantwortlichen Menschen der auch sein Heil nicht mehr von irgend einem Gotte abhängig wissen mochte Diese Religion ohne Gott in der entthronter Gott und entheiligter Mensch in Eins gedacht waren war Ausdruck menschlichen Erlösungsbedürfnisses und manche Kritiker sahen darin denn auch den Keim einer verkappten Gläubigkeit erkannten darin wenn nicht schon Religion selbst so doch Sehnsucht nach ihr Tatsächlich kann man Zieglers damalige Position als frommen auf Selbstheiligung des Menschen zielenden Atheismus lesen Gerade aufgrund solcher Paradoxien in deren Bahnen sich bei Ziegler vieles bewegt entging er der Gefahr wie einst Nietzsche in seinem Rasen gegen Gott Gefangener seiner eigenen Negation zu werden Man könnte sich fast an die Legende aus der Vita des Hl Wolfgang erinnert fühlen nach der er den Teufel überlistete ihm die Steine zum Bau seiner Kirche herbei zu schleppen nur daß man sich dabei zu fragen hätte hinter welcher der beiden Gestalten sich der Ziegler dieser Phase denn verberge Sicher beantworten läßt sich diese Frage erst seit dem Gestaltwandel der Götter der Wandel seines Autors folgte Dessen Äußeres Zeichen war das Zurückziehen des Ewigen Buddho aus dem Handel in den dreißiger Jahren weil dem Autor angeblich Fehler in der Darstellung unterlaufen seien eine eigentliche Kehre in seinem Denken hat Ziegler indes bestritten Für den Marburger Religionswissen schaftler Ernst Benz hing dieser entscheidende Schritt vom Apostat zum homo religiosus mit dem tiefem Erschrecken über die Radikalität und Unausweichlichkeit der eigenen antichristlichen Konsequenzen zusammen dem wie er mutmaßte eine wahre Höllenfahrt der Selbsterkenntnis gefolgt war Diese Deutung scheint mir plausibler als Zieglers Behauptung einer geradlinigen Entwicklung Als Beleg möchte ich einen Satz aus der Überlieferung zitieren in der die menschheitlichen Urideen zum Thema werden Der Satz den ich als eine verkappte Selbstaussage verstehe lautet Propheten sind keine Denker Bevollmächtigte und Botschafter ihres Herrn dem sie sie wissen weshalb nur immer nach einem heftigen Sträuben gehorchen stehen sie zeitlebens in der schrecklichen Drangsal des göttlichen Anrufs Sollte ich mich über den Hinweischarakter dieses Satzes auf eine Art paulinischer Wende täuschen so glaube ich doch bestimmt Ziegler wisse doppelt was er sagt wenn er von der schrecklichen Drangsal des göttlichen Anrufs spricht Hat er sich doch an den Kaukasus seines selbstauferlegten Auftrags geschmiedet und auf verlorenem Posten ausgeharrt um ein lebenslanges Rigorosum zu absolvieren so daß man aus seinem Grabspruch Ich habe gehorcht durchaus einen Beiton der Erleichterung über den erfüllten Auftrag heraushören kann vielleicht nicht gerade im Sinne der Erlösung vom Menschsein die der Meersburger Kollege auf seinem Grabstein kundtat aber doch über die Entbindung von einem Zeugnisdienst dessen Erfüllung er einer schwachen und leidenden Konstitution abgerungen hat Möge dem im Übrigen sein wie ihm wolle um eine der von Ziegler gern gebrauchten Redefiguren aufzugreifen die sakrale Wiederherstellung des Lebens wurde schließlich zu seinem Rhodos Je länger er den verlorenen Mysterien auf der Spur blieb desto unabweislicher wurde ihm zur eigentlichen und unmittelbarsten Vorstellung was er selbst als mythische Hieroglyphe Gott bezeichnete In ihr erkannte er mehr und mehr Zentrum und Inhalt der urtümlichen Offenbarungen Mythen und Seelentümer aller Völker und Zeiten handele es sich nun um das Gilgamesch Epos oder die Vedanta die Upanishaden oder das Taoteking Gnosis oder Kabbala Evangelien oder Edda Als ihren gemeinsamen Gegenstand erkannte er den Ewigen oder Ur Menschen Damit ist nicht gemeint was frei nach Max Frisch im Holozän erscheint sondern gewissermaßen der Gesamt oder Allgemeine Mensch der an allen Epochen menschheitlicher Entwicklung Anteil hat und sich vom homo magnus zum Träger der Überlieferung emporgeläutert hat um schließlich in Christus leibliche und geschichtliche Gestalt anzunehmen Christus verstanden als historisch letzter Gott und Erstgeborener einer neuen Menschheit der alle Offenbarungsgehalte vorgängiger Überlieferungen in sich aufsummiert Mit diesem Werk das Ziegler bis zu seinem Tode im Jahre 1958 kontinuierlich fortführte ich erwähne nur noch die zweibändige Menschwerdung von 1948 und Das Lehrgespräch vom Allgemeinen Menschen von 1956 hat Ziegler die Geschichte noch einmal als Heilsgeschichte aufgefaßt und zwar nicht von der kirchlichen Dogmatik her sondern von einem esoterischen und integralen Verständnis menschheitlicher Überlieferung aus Deren geistige und religiöse Manifestationen galten ihm gleichsam nur als Fragmente Facetten und Varianten ein und derselben Uroffenbarung So sehr sich diese Varianten im Einzelnen auch widerstreiten mögen in der Vorstellung einer kohärenten Gesamtüberlieferung im Bild eines einzigen großen Chores kultischer Verehrung in dem die religiösen Ausdrucksformen aller Zeiten zusammenschießen liegt nicht nur etwas Planetarisches und Menschheitsverbindendes sondern auch die Herausforderung beschlossen den Blick über das europäisch abendländische Denken hinaus zu richten Auch darf man nicht den antidiskriminatorischen Gehalt unterschätzen der darin liegt daß Ziegler den einzelnen Beiträgen zur menschheitlichen Überlieferung wenn nicht denselben Rang einräumt so doch gleiche Achtung zollt Herders universaler Humanitäts gedanke liegt da ganz nah daß durch die Mißachtung eines einzelnen Volkes einer einzelnen Kultur immer auch die gesamte Menschheit beleidigt werde Nun darf man den zentralen Gedanken der Überlieferung nicht so verstehen als hätte Ziegler seine Beachtung der menschlichen Frühzeit allein geschenkt Philosophie war ihm ein anderes Wort für Weltverwurzeltheit und fand ihren Sinn allein im Dienst an der Gegenwart Durch die Fragen der Zeit sah er sich darüber hinaus zu einer Reihe von Schriften veranlaßt in denen er in seinen eigenen Worten zu den Geschichtsgegebenheiten Nation und Staat Person und Gesellschaft vorstieß Bücher wie Der deutsche Mensch und Volk Staat und Persönlichkeit Zwischen Mensch und Wirtschaft oder die Magna Charta einer Schule zeigen die Spannweite seines Interesses und bieten eine Zeitdiagnostik die einem vertieften Begreifen der Forderungen der geschicht lichen Stunde galt Seine eigentliche Tiefenschärfe jedoch gewinnt Zieglers Geschichtsverständnis im Heiligen Reich der Deutschen von 1925 Das zweibändige Werk steht in einer Reihe geschichtsphilosophischer Werke zu denen Spenglers Untergang des Abendlandes ebenso zählt wie Ernst Kantorowicz Kaiser Friedrich der Zweite Gemeinsam ist ihnen der Mythos als geschichtlicher Ort deutscher Vergangenheit verbunden mit einer impliziten Ablehnung der Demokratie durch die der Deutsche gewissermaßen säkularisiert und aus der prästabilierten Harmonie einer vorgegebenen Ordnung geworfen schien Einerseits philoso phisch spirituelle Erneuerung andererseits aufs Mentale gerichtete Pastoral wurde Ziegler damit zum geistigen Rhapsoden des sacrum imperium an dessen ins Große gedachtem Geist der Deutsche noch einmal gesunden sollte Konkrete gesellschaftspolitische Restaurationsabsichten waren meines Wissens damit nicht verbunden vielmehr war es dem Autor darum zu tun das innere Gesetz eines spezifisch deutschen Menschseins herauszuarbeiten Dennoch wäre es unzulässig Ziegler der eher Vor denn Antidemokrat war und dem die Vorstellungswelt westlicher Demokratien fremd blieb in eine Vorläuferschaft zum Nationalsozialismus zu rücken Nicht alle die damals in Feindschaft oder Distanz zu Weimar verharrten und damit die Heraufkunft von 1933 begünstigten haben diesen Weg auch beschritten Auch Ziegler war für den plebejischen Appell an nationale Großmachtphantasien verloren und wie weit er über Kyffhäusereien und völkische oder rassistische Phantasmen erhaben war belegt nicht nur sein Buch Der europäische Geist auf jeder Seite Ziegler hat sich vielmehr seit eine Machtübernahme des Nationalsozialismus in den Bereich des Möglichen gerückt war auch unter persönlicher Gefährdung gegen Hitler erklärt und sich noch 1934 auf Wunsch seines bald darauf ermordeten Freundes Julius Edgar Jung nach Sorrent begeben um Papen über Hitler aufzuklären Heute mag uns dieser Versuch schon jenseits von Weimar noch rasch den Teufel bei seiner Großmutter zu verklagen in ebenso merkwürdigem Licht erscheinen wie jener Dichterkonvent am Ende des Ersten Weltkriegs den Wilhelm Schäfer im Winter 1918 19 auf seinen frisch bezogenen Ludwigs hafener Wohnsitz zusammenrief Schäfer schrieb damals bereits an den Dreizehn Büchern der deutschen Seele dem eigentlichen Trostbuch beschädigter nationaler Identität in seinen Erinnerungen nannte er später Paul Natorp Emil Strauß Paul Ernst Alfons Paquet Hermann Herrigel Leopold Ziegler und sich selbst nichts als sieben erschütterte Menschen die von der geistigen Mission des deutschen Volkes überzeugt waren und nach ihrer Gemeinsamkeit suchten Geriert haben sie sich indes als ein Notparlament des deutschen Geistes mit präzeptoralem Anspruch selbsternanntes Rettungskomitee hochmögender Herren in zwölfter Stunde An ihm ist Deutschland bekanntlich ebenso wenig gesundet wie am Forte dei Marmi Kreis wenige Jahre zuvor auch da hatte man versucht rein aus dem Geist zu leben um so die europäische Kultur an ihren Wurzeln zu verändern Damit soll ausgedrückt sein daß Zieglers Analyse wohl viele Aspekte der Wirklichkeit traf seine gelegentlichen Gänge aufs Eis des Konkreten aber möglicherweise eben jener berühmte Schritt zuviel waren Gewisse stockfleckige Suggestionen aber wie sie sich aus seinem Verständnis von Deutschheit ergaben blieben um Welten von jener völkischen Kulturdemagogie entfernt deren sich manche aus dem Schäferschen Kreise später befleißigt haben Das Heilige Reich der Deutschen aber hat sich den Charakter des großen geschichtsphilosophischen Wurfs bewahrt und sein Gedankenreichtum ist bis heute einem vertieften Begreifen unserer eigenen geschichtlichen Situation dienlich zumal man es nicht mehr vor der Folie einer bedrängenden Zeitkonstellation lesen muß sondern es wieder ganz in den größeren Zusammenhang des zieglerschen Überlieferungsgedankens zurückstellen kann Wie die gesamte deutsche und Menschheitsgeschichte sah Ziegler schließlich auch seine eigene Lebenslandschaft im Zusammenhang der Überlieferung In seinem kleinen Essay Der Bodensee entziffert er nicht nur ihre geschichtlichen und geistigen Konturen sondern bis in ihre äußeren Erscheinungsformen bis in die Morphologie der Uferbildungen hinein Es wäre davon nicht weiter zu reden erwiese sich Ziegler nicht selbst noch in einem so peripheren Text abermals als der große Synoptiker Indem er den Bodensee ein europäisches Gewässer nennt wähnt er die verschiedensten landschaftlichen Elemente des Ostens des Nordens und des Südens in ihm vereinigt und glücklich austariert und geschichtlich erscheint er ihm als die Landschaft unseres deutschen Anfangs Hier so schreibt Ziegler beginnt der Deutsche im Namen Gottes zu reden und zu pflanzen zu bilden und zu bauen zu dichten zu singen und zu sinnen hier setzt sich jeder Fußbreit der sichtbaren Landschaft draußen um in ein Stück Seelenlandschaft drinnen An diese religiösen und geistigen Traditionen hat Ziegler angeknüpft und er war wohl der bedeutendste unter den zahlreichen Philosophen und Literaten an denen der Bodensee ein spätes Mal seine alten spirituellen Binde und Prägekräfte erfolgreich erprobt hat Hierher gekommen war der Karlsruher 1918 zusammen mit seiner Frau Johanna 1925 übersiedelte er aus dem Hinterland von Lindau nach Überlingen das über vier Jahrzehnte lang zu seiner Wohn und Arbeitsstätte wurde In ihrem Buch über Leben und Werk Leopold Zieglers schreibt die spätere Sekretärin und Vertraute Martha Schneider Faßbaender von den südlichen Zimmern aus überblickte man den ganzen hellen See das gegenüberliegende Ufer grün unbebaut urlandschaftlich die Alpenkette vom Tödi bis zur Cesaplana königlich alle überragend wie ein heiliger Berg der Säntis den die Überlinger denn auch unsern Olymp nennen Im Arbeitszimmer stand der Schreibtisch am Fenster der Arbeitende war der Herrlichkeit der Landschaft zugewandt 1958 ist Ziegler hier gestorben nachdem ihm zwei Jahre zuvor der Bodensee Literaturpreis der Stadt verliehen worden war In der Verleihungsurkunde standen die Sätze Hier in dieser das Herz gleichsam entengenden Landschaft entstanden seine kultur und religionsphilosophischen Hauptwerke An der Ausgestaltung seiner harmonischen Weltschau darf der Bodenseelandschaft das Verdienst einer unmittelbaren Mitwirkung zugesprochen werden 1938 schrieb ein Verehrer Zieglers in einem Brief in die Goldbacher Straße Es beschämt mich immer daß ich nicht mehr und Besseres über Ihr Werk sage und den Widerhall des Innern nicht auf gebührende Weise bezeugen kann Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf es eines Tages zu können mit einem Werke wie dem Ihren muß man jahrelang umgehen man muß seine Wirkungen in wechselnden Verhältnissen erfahren und unter dem Fortgang der Geschichte überdenken so wird man vielleicht dafür reif und einer gemäßen Äußerung fähig Die Worte Reinhold Schneiders seien aus einem doppelten Grund zitiert einmal um daran das Außerordentliche von Zieglers Denken zu behaupten dann aber auch um etwas von den Schwierigkeiten zu verdeutlichen denen es heute begegnet Mit einem Werk jahrelang umgehen seine Wirkungen in wechselnden Verhältnissen erfahren sie unter dem Fortgang der Geschichte überdenken wie vielen und welchen Werken aus der Philosophie der Literatur oder der Kunst mögen und können wir diesen Anspruch einräumen Daß er in Bezug auf Ziegler zu Recht besteht sei hier einfach einmal unterstellt davon handeln müßte ein Befugterer der sich in diesem schieren Denkkontinent nicht nur gerade etwas herumgetrieben hat Sprechen will ich aber im folgenden als Leser Zieglers der nun einige Wochen lang mit Theodor Lessings schöner Definition des Lesens gesprochen versucht hat den Gehalt dieser fremden Seele seiner eigenen einzuarbeiten Nun läßt sich von der ungeheuren Komplexität und Vielschichtigkeit dieses Werks in einem solchen Rahmen allenfalls etwas andeuten und da ich hier ohnehin kein Porträt des Denkers geben kann möchte ich ein paar Erfahrungen und Gedanken anfügen Zunächst zu dem was ich Zieglers beträchtliche aber verborgene Aktualität nennen möchte Ich wage das Wort entgegen allem Augenschein und entgegen allen Schwierigkeiten die seine Lektüre bereitet Lektüre Schon hier stutze ich der Ausdruck ist unzureichend eher wäre ein Nachsinnen am Platze das man gewissermaßen meditando vollzieht Zu reden wäre auch von einer mitunter altfränkischen und vielfach redundanten Sprache von den Barrieren einer uns fremd gewordenen mitunter geheimnisvoll anmutenden Bild und Begriffssprache die bald auf mystisch sphärischen Alphabeten bald auf alchimistisch astrologischen Geheimlehren beruht Gnosis und Kabbala berührt sich oft ins Entlegenste vergaloppiert und aus dieser Hermetik heraus so ausgreifende Argumentationsketten hervorbringt daß man ihm nur zu gern jenes Uff nachspricht das dem Autor als dankbare Quittierung seiner eigenen Denkanstrengung selbst einmal entfährt Doch was immer man an solchen Schwierigkeiten auch nennen mag es ändert nichts am Genie des Ganzen dessen Wirkung freilich wir stellten es eingangs fest allmählich gegen Null treibt Wenn wir uns nichts vormachen wollen müssen wir uns das Paradox eingestehen Ziegler ist für eine Wiederentdeckung wie geschaffen und dabei wird es wohl bleiben Doch nicht auf Wirkung sondern auf Aktualität wollte ich hinaus Wenn wir auf sie horchen dann können wir mit diesem Errat schlechterdings nicht anders umgehen als mit jenem Eckstein in der Bibel den die Bauleute auch zuerst verworfen haben Eines nämlich scheint mir ausgemacht indem die Zeit Ziegler negiert und vergißt was sie ihm schuldet arbeitet sie letztlich für ihn und je mehr sie ihrer eigenen Dynamik folgt und sich beschleunigt desto mehr erhöht sie unwillentlich Richtigkeit und Brisanz seines Denkens Diese Feststellung zielt auf den Kontrastwert Zieglers zu unserer Zeit auf ihre blinde Selbstbezogenheit und ihre Hybris deren Merkmale unter anderem allseitige Erklärbarkeit Machbarkeit und Beherrschbarkeit heißen Mit ihnen hat sich vor einiger Zeit der ehemalige Biochemiker Erwin Chargaff in seinem Aufsatz Wehklage über das Verschwinden der Dryaden auseinander gesetzt und zwar am Beispiel eines texanischen Physikers der seinen Stolz über die Vernichtung animistischer Vorstellungen und vorrationaler Weltbilder durch die moderne Wissenschaft bekannt hatte Chargaff schreibt Was er in Wirklichkeit haßt sind nicht die grazilen Baum oder Bergnymphen es ist die ewige Infragestellung der Früchte aller exakten Naturwissenschaften durch die noch immer nicht ganz vernichtete menschliche Phantasie Und er fährt ganz im Sinne Zieglers fort Sind sie alle tot Zeus und Hera Apoll und Athene Artemis und Hermes Aphrodite und Demeter die anderen Göttinnen und Götter und ihr riesiges Gefolge sind sie alle tot Religionen sterben nicht sie lösen sich auf und scheinen vergessen zu sein Aber ich denke nichts kann auf dieser Welt verloren gehen nichts was einst die Seele des Menschen bewegt hat Es sinkt ein in ein gleichsam kollektives Kryptogedächtnis der Menschheit wie es geglaubt gedacht geschaffen worden ist Wenn es nicht fortlebt so stirbt es fort Wenn man sich auf diese schöne Überzeugung die Welt könne einmal Gedachtes nicht wirklich wieder verlieren auch nicht verlassen darf so möchte ich mich doch ein wenig auf sie einlassen Anläßlich der Besprechung eines Buches von Max Picard hat Joseph Roth einmal gesagt es sei Kennzeichen der echten Wahrheiten daß man sie nicht zum ersten Mal zu hören sondern sich ihrer zu erinnern vermeine Sie kommen gleichsam aus der großen Schatzkammer der Wahrheit in die wir alle einmal vor unserer Geburt haben blicken dürfen um sie sofort wieder zu vergessen Dieser eine Blick aber habe uns immerhin die Fähigkeit geschenkt nach der Wahrheit zu suchen nicht um sie als etwas Neues zu finden sondern als etwas Altes Ewiges wieder zu entdecken Diese Sicht des Dichters hat ein Menschenalter später Erwin Chargaff in einer seiner Abrechnungen mit den aggressiven Naturwissenschaften auf bemerkenswerte Weise bestätigt In seltenen Augenblicken schreibt er bemerke ich erstaunt daß ich mancher Dinge inne bin die ich in keiner Weise gelernt erlebt erdacht haben kann als hätte ich sie bei meiner Geburt mitbekommen gleichsam als Instinkt des Gewesenen Es kann sich nicht um einen im oberflächlichen Sinne genetischen Prozeß handeln und gilt für vieles andere als Religionen Der menschliche Geist ist ein Palimpsest das sich unter den seltsamsten Umständen und auch dann nur in Nanosekunden in all seinen nur anscheinend einander verdrängenden Schichten offen darstellt In den Büchern Zieglers wird dieser Palimpsest wird seine Entzifferung Teil des Programms und man kann sie als Antidot als Gegengift lesen zu jenem verengten Weltverständnis wie der fragwürdige Stolz unseres texanischen Gewährsmanns es beispielhaft vorgeführt hat In ihnen wird wieder etwas deutlich von der Dignität der ersten und ältesten Dinge dem Geheimnis und der Würde des Nichtdeduzierten der Aura des Ursprünglichen Ergebnisse einer großen Suchbewegung tastet Ziegler in ihnen durch die Erscheinungsformen der Dinge durch das Späte und Abgeleitete Sekundäre und Bedingte hindurch nach ihrem urtümlichen Grund um die Gegenwart in die Weltzeit zurückzustellen sie an die voraufgegangenen Kulturstufen wieder anzuschließen Nun ist Ziegler mit dieser Suchbewegung längst nicht mehr allein Seit sich immer mehr Menschen bewußt geworden sind daß die Dinge weiter zurück reichen als unsere Schulweisheit sich träumen läßt sind ungezählte esoterische Heilslehren und Glaubensersätze in die offenkundigen Erklärungslücken vorgestoßen Wurden früher der Religiosität Tempel errichtet gewahren wir heute in einer gigantischen Sinnindustrie allenthalben Tümpel in denen die Uriellas im Drüben fischen Damit haben wir freilich nicht die Krankheit sondern nur das Symptom benannt was aber die Diagnose betrifft die auf vernachlässigte spirituelle Bedürfnisse lauten müßte so ließe sich bei Ziegler wieder ein Begriff davon gewinnen wie man ihnen ernsthaft antworten kann Dabei zähle ich es zu den großen Vorzügen seines Denkens daß man ihm zwar bei Strafe des Mißverstehens bis in seine religiösen Ausdeutungen hinein folgen muß daß es sich andererseits aber auch sozusagen ungläubig nachvollziehen läßt Anders gesagt Zieglers sakrale Wiederherstellung des Lebens ist weit genug gefaßt daß sie auch denjenigen noch um ein Erkleckliches bereichert der das flectamus genua verweigert und als frommer Heide seine Verehrung staunenden Sinnes bezeugt sie mit einem

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  • Leopold-Ziegler-Stiftung: Timo Kölling: Der Vorrang des Heiligen in Leopold Zieglers Spätphilosophie
    verlassen hat ihre Vereinigung in einer Vorstellung des Heiligen die nunmehr eins ist mit dem Dunklen und dem Undurchdringlichen Daß das Religiöse vollständig in die Sphäre der psychologischen Emotion falle und daß es ganz wesentlich mit dem Schauder und der Gänsehaut zu tun habe das ist die Trivialität welcher der Neologismus numinos den Anstrich von Wissenschaftlichkeit verpassen soll 16 Nun ist es aber zunächst wenigstens keineswegs Ottos Auffassung daß wie Agamben sagt das Religiöse vollständig in die Sphäre der psychologischen Emotion falle Vielleicht hätte Otto seine Intention schon im Untertitel des Buches präziser zum Ausdruck bringen sollen Er lautet Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen Damit ist wie dann auch aus den ersten Seiten des Buches klar hervorgeht keineswegs angestrebt die Religion insgesamt zu irrationalisieren Das Rationale ist hier nicht als das Andere der Religion begriffen sondern als integrales Moment des Religiösen selbst Es geht also um eine Verhältnisbestimmung innerhalb der Religion keineswegs um eine Abgrenzung der Religion insgesamt gegen das Rationale Das Heilige als religionswissenschaftliche Grundkategorie ist als die Summe der rationalen und irrationalen Momente der Religion gedacht Damit wird Religionswissenschaft unter Ottos Händen eigentlich zu dem philosophischen Unternehmen einer Erneuerung der Philosophia perennis deren Grundzug es ja war Vernunft und Offenbarung unter dem Primat der letzteren zusammenzudenken Genau dies ist Ottos Intention Daß Rationalität ein wesentlicher Bestandteil des Glaubens ist zeigt sich für Otto darin daß wir imstande sind der Gottheit rationale Prädikate beizulegen die wesentliches erfassen Begriffe wie Geist Wille Allmacht Vernunft sind hier gemeint Nun erschöpfen aber die rationalen Prädikate für Otto die Idee der Gottheit so wenig daß sie geradezu nur von und an einem Irrationalen gelten und sind 17 Nur als Zeichen für Irrationales sollen die rationalen Prädikate folglich Geltung und Wahrheit haben Dieses Irrationale aber muß nun argumentiert Otto seinerseits irgendwie auffaßbar sein und zwar auf nicht verstandesmäßige Weise Wäre das nicht so könnte von ihm schlechterdings überhaupt nichts ausgesagt werden es würde den Menschen überhaupt nicht affizieren Die Erfahrungen vor allem der Mystiker und der Propheten beweisen aber das Gegenteil Diese Menschen bedienen sich der Sprache um auszusagen was in der Sprache eigentlich nicht ausgesagt werden kann Dieses letztlich nicht aussagbare aber erfahrbare irrationale Moment des Göttlichen nennt Otto mit der berühmt gewordenen Wendung das Numinose Dieses Wort bezeichnet das tiefste irrationale Moment in der Kategorie des Heiligen Otto geht von einem spezifischen Vermögen im Menschen aus das diese irrationalen Qualitäten zu erfassen imstande ist Dieses Vermögen nennt Otto den sensus numinis Durch ihn sollen wir imstande sein eine Kategorienlehre der irrationalen religiösen Erfahrung zu entwickeln die den rationalen Kategorien genau analog ist jedoch mit deren rein verstandesmäßiger Deduktion nicht sich berührt Dieser Kategorienlehre gehören die ebenfalls bekannt und gebräuchlich gewordenen Begriffe etwa des mysterium tremendum und des mysterium fascinans an des Göttlichen also in seiner doppelten Qualität des Schrecklichen und Furchteinflößenden einerseits des Faszinierenden und Anziehenden andererseits Diese irrationalen Kategorien der religiösen Erfahrung sind als objektive Reflexmomente des Göttlichen in unserer Seele gedacht Die zentrale Stellung die Otto seiner Konzeption des sensus numinis einräumt erinnert stark an die Stellung des Systems des Unbewußten in der Psychologie Freuds Freuds Unbewußtes war aber ursprünglich als ein rein formaler heuristischer das heißt das Erkennen anleitender Begriff gedacht der nicht selber Gegenstand der Erkenntnis sein kann Er sollte als Erklärungsgrund psychischer Phänomene dienen keineswegs selber ein psychisches Phänomen von inhaltlicher materieller Konkretion sein Mit diesem Anspruch auf volle materielle Erkenntnis und das ist das Problematische treten nun aber Ottos Begriffe des Numinosen und des sensus numinis auf und dadurch rückt Ottos Konzeption entgegen ihrer Intention tatsächlich in die Nähe jener Psychologisierung von Religion die Agamben an ihr kritisiert Seine Konzeption nennt sich zwar phänomenologisch und behauptet wie Husserls Wesensschau eine Unabhängigkeit von aller bloßen Psychologie Otto scheitert aber daran daß er nicht glaubhaft machen kann in welcher Form sich die objektiven Phänomene der religiösen Erfahrung von den psychologisch zu deutenden bloßer Subjektivität unterscheiden Rudolf Otto hat den Kritikern die darauf ihren Finger legen tatsächlich alle Tore geöffnet Gleich zu Beginn seines Buches stehen Sätze deren sinnvolle Intention außerfrage steht die aber den Verdacht des Psychologismus keineswegs zu zerstreuen geeignet sind zumal er hier entgegen seiner im eigentlichen Sinne phänomenologischen Intention den Begriff der Religions psychologie auch selber gebraucht Die Sätze lauten Wir fordern auf sich auf einen Moment starker und möglichst einseitiger religiöser Erregtheit zu besinnen Wer das nicht kann oder solche Momente überhaupt nicht hat ist gebeten nicht weiter zu lesen Denn wer sich zwar auf seine Pubertäts gefühle Verdauungs stockungen oder auch Sozial gefühle besinnen kann auf eigentümlich religiöse Gefühle aber nicht mit dem ist es schwierig Religionspsychologie zu treiben 18 Die überaus fatale Wirkung dieser Sätze läßt sich anhand einer Anekdote demonstrieren die Gershom Scholem in seiner Autobiographie erzählt Bevor Scholem 1923 nach Palästina auswanderte und in Jerusalem zum berühmten Erforscher der Kabbala wurde hatte er an verschiedenen Orten Deutschlands Mathematik und Philosophie studiert Husserls Logische Untersuchungen hatten ihn beeindruckt Das Interesse an der Phänomenologie erlosch indes schlagartig in den Vorlesungen des Husserlschülers Wilhelm Pfänder Scholem schreibt Er brachte es fertig ich bin dabei gewesen in öffentlicher Vorlesung die Existenz Gottes an der ich nie gezweifelt habe auf phänomenologische Weise sichtbar zu machen er hörte auf zu sprechen schloß die Augen und verharrte in tiefem Schweigen 19 Nun will Otto so sehr er auch mitverantwortlich für solche Veranstaltungen gewesen sein mag keineswegs an jedem beliebigen Alltagsgefühl ein religiöses Moment aufweisen Otto versucht nichts geringeres als den Punkt ausfindig zu machen an dem das Gefühl die seelische Struktur des Menschen als ein nicht mehr psychologisch erklärbares nicht mehr rein innerliches nicht mehr subjektives Phänomen sich erweist Den Punkt also an dem es in sich selbst auf einen ihm selbst gleichsam nicht mehr angehörigen Grund stößt der in seiner unmittelbar evidenten Objektivität dem Ich die Nichtigkeit seiner bloßen Subjektivität vorführt Dieser wie man sagen könnte Grund des Ichs außerhalb des Ichs der dem Gefühl sich offenbart gerade indem er es an die äußerste Grenze dessen stoßen läßt was überhaupt Gefühl genannt werden kann dieser Grund kann so Otto da er unter nichts sich subsumieren läßt was ansonsten unserem Erfahrungskreis angehört nur ein göttlicher Grund sein Otto nennt diesen göttlichen Grund das Numinose in der ganzen Dimension seiner Irrationalität deshalb auch das Ganz Andere Zur näheren Bestimmung des Gefühls in welchem das Ich an seine äußerste Grenze stößt bezieht Otto sich auf Friedrich Schleiermacher Dieser hatte in seiner Schrift Über die Religion das was aller religiösen Erfahrung gemeinsam sei als schlechthinniges Abhängigkeitsgefühl definiert Der Protestant Schleiermacher wollte der Religion auf diese Weise ihre reine Innerlichkeit sichern Hier findet tatsächlich statt was Agamben an Otto kritisiert die vollständige Psychologisierung der Religion Schleiermacher sagt man verlasse das Gebiet der Religion wenn man sich die Gefühle als Handlungen veranlassend und Taten antreibend und damit ihr eigentliches religiöses Gebiet verlassend denke 20 Otto bemerkt dazu Unmittelbar und in erster Hinsicht wäre das religiöse Gefühl nach ihm ein Selbst Gefühl ein Gefühl einer eigentümlichen Bestimmtheit meiner selbst nämlich meiner Abhängigkeit Erst durch einen Schluß indem ich nämlich hierzu eine Ursache außer mir hinzudenke würde man nach Schleiermacher auf das Göttliche selber stoßen 21 Für Schleiermacher offenbart sich die Gottesidee dem Menschen also nicht in unmittelbarer Evidenz an ihr selbst sondern allein in der Vermittlung des subjektiven Gefühls von dem aus sie analog zu erschließen sei Gerade eines solchen Analogieschlusses soll es Otto zufolge nun aber nicht bedürfen Otto ersetzt deshalb Schleiermachers Begriff des Abhängigkeitsgefühls durch den stärkeren Begriff des Kreaturgefühls Dieses ist nicht als gesteigertes Abhängigkeitsgefühl innerhalb der psychologisch erfaßbaren Sphäre gedacht sondern bewegt sich in einer qualitativ neuen Dimension von Erfahrung Das Kreaturgefühl ist für Otto jenes Gefühl das an die äußerste Grenze des Gefühlsmäßigen als solchen stößt und auf diese Weise unmittelbar ohne die Notwendigkeit eines Analogieschlusses den göttlichen Grund als das Ganz Andere erfährt Dieses Kreaturgefühl ist es Otto zufolge das sich in den bedeutendsten religiösen Dokumenten der Menschheit kundgibt und in dem gewissermaßen das gesamte religiöse Leben seinen Ursprung hat Es spricht sich etwa in den Worten aus die Abraham an Gott richtet Ich habe mich unterwunden mit dir zu reden ich der ich Erde und Asche bin 1 Mos 18 27 Hier wird das Ich des übermächtigen transzendenten Du inne das mysterium tremendum und mysterium fascinans in einem ist Das Kreaturgefühl ist in der Religionsphänomenologie Rudolf Ottos also der systematische Dreh und Angelpunkt an dem innerhalb der Realität des subjektiven Psychischen der sensus numinis als objektives Reflexmoment des göttlichen Grundes selbst sich realisieren soll Die im methodischen Diskurs der Religionswissenschaft an Otto geübte Kritik hat dazu geführt daß man der Phänomenologie des Heiligen einzig noch historische Bedeutung aber keinerlei aktualisierbaren Wert für eine empirische Spezialwissenschaft mehr zugesteht Dieser letzte Versuch einen Gegenstand Religion durch Identifizierung eines gemeinsamen Nenners aller religiösen Erfahrung zu definieren gilt als gescheitert Wäre diese Kritik in vollem Umfang zurecht erfolgt dann wäre auch Zieglers Spätphilosophie die sich ausdrücklich als Philosophie des Heiligen begreift heute zurecht vergessen So verhält es sich aber nicht Der große Fehler Ottos bestand darin das Heilige zum Phänomen zu machen das heißt wörtlich zu einem Sich zeigenden welches als solches der empirischen Erfahrung jederzeit soll zugänglich sein Um dies sicherzustellen und um der Religionsphänomenologie auf diese Weise die Würde einer modernen einzelwissenschaftlichen Disziplin zu sichern erfand Otto die Kategorie des sensus numinis Der Preis dafür war unter dem Begriff der numinosen Erfahrung entgegen der ursprünglichen Intention das Heilige zu psychologisieren Die sogenannten objektiven Reflexmomente des Göttlichen unterscheiden sich so wie Otto sie geltend macht in nichts von den subjektiven Phänomenen des alltäglichen psychischen Empfindens Zurecht ist dies der zentrale Punkt aller an Otto geübten Kritik gewesen Diese formierte sich keineswegs sofort Die Wirkung von Ottos Buch war so stark daß es zehn zwanzig Jahre dauerte bis die wesentlichen Kritikpunkte in einzelnen Studien herausgearbeitet waren Eine erste Summe dieser Kritik bietet das 1942 erschienene Buch Das Heilige im Germanischen von Walter Baetke Dort wird Ottos Annahme eines übernatürlichen Gefühls treffend als ein psychologisches Unding bezeichnet 22 Da das Gefühl seinem ganzen Umfang nach etwas Natürliches ist 23 kann es sich keiner übernatürlichen Inhalte versichern Die Kategorie des sensus numinis erhebt also einen Anspruch den sie nicht einlösen kann Das Übernatürliche das Absolute das Heilige läßt sich nicht psychologisieren und somit auch im ganzen nicht naturalisieren nicht vergeschichtlichen Wenn Ziegler dennoch an der Idee einer theologia naturalis festhält und vor allem in seinem Spätwerk ihre Bedeutung und Notwendigkeit deutlich betont so deshalb weil er den Befund der schlechthinnigen Andersartigkeit des Heiligen auf äußerst scharfsinnige Weise als allein dialektisch interpretierbaren begreift In ähnlicher Weise wie Martin Buber der damit gegen die sogenannt dialektische in ihrer Radikalität aber durchaus undialektische Theologie der Krise sich wandte 24 betont Ziegler die notwendige Bezogenheit gerade des Ganz Anderen auf die Möglichkeit menschlicher Erkenntnis von ihm von jenem Daß seiner schieren Faktizität das der Welt wie der noch unausgeschöpfte Satz Wittgensteins impliziert 25 erkennbar mitgegeben ist als ihr mystischer Grund Ziegler kann nur deshalb implizit an Otto anknüpfen weil dessen ursprüngliche Intuition durch sein Scheitern als Spezialwissenschaftler nicht entwertet wird Sein Fehler bestand nur darin das Heilige zum wissenschaftlichen Faktum machen zu wollen Der daraus von Ottos Kritikern gezogene Schluß Religionswissenschaft müsse auf die Kategorie des Heiligen und damit auf jede Definition ihres Gegenstandsbereichs verzichten gehört zu den Lächerlichkeiten einer Spezialwissenschaft die mit einem verengten und verkehrten Begriff von Empirie arbeitet und die nicht einsehen will daß hermeneutische Deutungskategorien immer schon ein integraler Bestandteil aller Empirie sind 26 Der spezifisch nicht empirische übernatürliche Charakter des Religiösen macht für die Religionswissenschaft eine ganz eigene philosophische Konstruktion ihres Gegenstandsbereichs erforderlich die bezeichnenderweise bis heute nicht geleistet worden ist 27 Die Denkfigur des Ordo Inversus bei Novalis Daß Ziegler gelingt woran Otto scheitert liegt daran daß er eine Denkfigur zur Anwendung bringt mit der er in einen seit dem frühen 19 Jahrhundert verschütteten Denkraum vorstößt Die geistesgeschichtliche Parallele von der jetzt die Rede sein wird hätte bereits für Otto geltend gemacht werden können Wenn dieser nämlich wie wir sahen die Wirklichkeit religiöser Phänomene zu beweisen versucht indem er vom je subjektiven Gefühl zwar ausgeht dieses Gefühl aber auf einen in ihm anwesenden Grund hin befragt der unter keinen Gefühlsbegriff sich mehr soll subsumieren lassen dafür standen ja die Konzeptionen des sensus numinis und des Kreaturgefühls ein so vollzieht er damit unbewußt einen Gedankengang nach der zu den wesentlichsten aber noch unausgeschöpften des neuzeitlichen Philosophierens gehört In den 1790er Jahren haben Novalis und Hölderlin völlig unabhängig voneinander in genialen philosophischen Entwürfen die ihrem wesentlichen Gehalt nach übereinstimmen auf Fichtes Theorie des Selbstbewußtseins reagiert indem sie nachwiesen daß das Selbstbewußtsein als solches nicht wie Fichte behauptet hatte ein letztbegründendes Prinzip der Erkenntnis sein kann Vor allem bei Novalis wird die theologische Dimension dieser Wendung gegen Fichte ganz deutlich Das muß vor allem gegenüber Philosophen wie Dieter Henrich betont werden die in den Grenzen ihres Fachs und damit zusammenhängend des modernen Subjekts befangen diese theologische Dimension gerne vernachlässigen 28 Die Bedeutung der Reflexionen Hardenbergs besteht in dem nachidealistischen Charakter einer Erkenntnistheorie die sich nicht mehr auf das Subjekt sondern auf das Andere des Subjekts auf seinen transzendenten Grund stützt In diese theologische Dimension philosophischer Erkenntnis stößt nun Rudolf Ottos Phänomenologie des Heiligen ihrer Intention nach wieder vor scheitert aber daran daß sie das was nur als das Andere des Subjekts zu ergreifen wäre unter der Kategorie des sensus numinis doch wieder subjektiviert Novalis hatte keinen derartigen Fehler begangen und wird damit zu einem Vorläufer der Erkenntnistheorie des späten Ziegler Der Grundgedanke Hardenbergs läßt sich meine ich nur dann verstehen wenn man den theologischen Hintergrund des 18 Jahrhunderts berücksichtigt Dieter Henrich der sich in seinen Arbeiten auf die Phase des frühen Idealismus spezialisiert hat tut so als hätten Novalis und Hölderlin Fichtes Theorie des Selbstbewußtseins nur durch eine andere im Grunde gleichwertige ersetzen wollen Henrich setzt für das Ende des 18 Jahrhunderts eine Selbständigkeit des philosophischen Diskurses voraus die sich letztlich nicht wird behaupten lassen In Wahrheit geht es um etwas ganz anderes Der seit Jahrhunderten geltende Unterschied zwischen natürlicher Vernunft und übernatürlicher Offenbarung mit Primat der letzteren war wie wir sahen durch die Historisierung und Relativierung der christlichen Glaubensgewißheiten im Vollzug der Aufklärung des 18 Jahrhunderts binnen weniger Jahrzehnte nivelliert worden Am Ende mit der logischen Konsequenz des Pantheismus galten Vernunft und Offenbarung als identisch d h alle Glaubenssätze der christlichen Religion galten jetzt als auf ihren rationalen Kern hin zu entziffernde Mythologeme Gott ging vollständig in der Natur und in der Geschichte als Gegenstand der wissenschaftlichen und der ästhetischen Betrachtung auf Dieser theologische Hintergrund muß dem jungen Friedrich von Hardenberg so präsent gewesen sein daß er Fichtes Theorie des Selbstbewußtseins sogleich als Äußerung dieses den Primat der Offenbarung negierenden Pantheismus erkennen mußte Indem er zeigt daß das Selbstbewußtsein kein Fundament des philosophischen Wissens darstellen kann weil es seinen Grund immer in einem Anderen seiner selbst hat unternimmt es Novalis den Primat der Offenbarung zu retten ohne die Errungenschaften der Aufklärung zu negieren Er weiß daß die philosophischen Entwürfe Kants und Fichtes im Grunde nur der Ausdruck ihrer Zeit sind also ein reales nicht rückgängig zu machendes Bewußtsein spiegeln Damit nimmt Novalis um glatte hundertfünfzig Jahre Adornos Gedanken einer Dialektik der Aufklärung vorweg Aufklärung sagt im Grunde schon Novalis schlägt in schlechte Mythologie um wenn sie die irrationalen bzw überrationalen Momente des menschlichen Geistes in sich zum Verschwinden bringt Genau das ist der Vorwurf den er gegen Fichte erhebt indem er das Selbstbewußtsein als eine Gestalt der Verkehrung des realen Wissens deutet Diese Verkehrung kann zwar nicht rückgängig gemacht aber sie kann überwunden und in ein neues religiöses Bewußtsein integriert werden Das geschieht indem die vollzogene Verkehrung sich als Schein erkennt Das Selbstbewußtsein muß sich als Schein eines absoluten Wissens setzen weil es als reflexives nur sich selbst kennt und auf diese Weise alle Inhalte die es ergreift in das Gefühl seiner selbst auflöst Diese Gewißheit des Gefühls kann aber durchstoßen werden indem das Gefühl erkennt daß es sich nicht selber fühlen kann also mit jedem Akt des scheinbaren Wissens von sich in Wahrheit nur an eine Grenze des Wissens stößt 29 Die Ausführungen in denen Novalis dieses Thema immer neu umkreist lesen sich teilweise wie ein mehr als hundert Jahre im voraus verfaßter negativer Kommentar zu Rudolf Ottos Religionsphänomenologie Denn Otto löst ja gerade das Irrationale auf in das unmittelbare Wissen des sensus numinis bestätigt also nur das Selbstbewußtsein in seiner Verkehrung Er läßt das Wissen ja nur deshalb an eine Grenze stoßen um hinterrücks alle Grenzen aufzulösen und wieder den Schein eines unmittelbaren Wissens vom Absoluten zu errichten Novalis hingegen konzipiert eine Technik des Nichtwissens die zugleich eine Technik des Erwachens aus dem Schlaf des Selbstbewußtseins ist Nur als nicht gewußte als Signum einer nicht erreichbaren Erkenntnis ist für ihn die Offenbarung unter den Voraussetzungen des Selbstbewußtseins präsent Dennoch ihr als Offenbarung den Primat zuzuweisen ist die Aufgabe und zugleich Aufhebung der Philosophie Es herrscht zwischen Offenbarung und Vernunft also ein paradoxes Verhältnis das Novalis unter den Begriff des ordo inversus der umgekehrten Ordnung bzw Ordnung der Umkehrung faßt 30 Man könnte den Sinn dieser Denkfigur folgendermaßen zusammenfassen nur als verschwundene ist die Offenbarung mit der Vernunft des Selbstbewußtseins identisch Folglich muß das Selbstbewußtsein sich selber zum Verschwinden bringen um den Schein seines absoluten Wissens zu zerstören und gerade in seinem Nichtwissen sich zu befestigen Das dürfte es sein was Novalis mit der berühmt gewordenen Wendung den ächt philosophischen Sinn der Selbsttödtung nennt Damit ist im voraus Rudolf Ottos Theorie des Heiligen negiert Denn es kann ja auf der Ebene des reinen Gefühls gerade kein unmittelbares Wissen des Heiligen geben sondern nur ein Wissen unseres Nichtwissens Das Übernatürliche ist der natürlichen Vernunft niemals unmittelbar gegenwärtig sondern ihr eingeschrieben als nur in ihrer Negativität zu fassende Spur Damit kann es aber auch unter den Voraussetzungen des verkehrten des abgefallenen Bewußtseins als in seiner Negativität präsent gedacht werden Eine Verwandlung des ganzen Daseins ist möglich die der späte Ziegler unter den Begriff der Metanoia der Umkehrung oder des Umschlags faßt Leopold Zieglers negative Geschichtsphilosophie

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  • Leopold-Ziegler-Stiftung: Timo Kölling: "Existenzen also wie Metalle". Reinhold Schneider und Leopold Ziegler
    Und da ich die Geschichte des Reiches nicht erzählen konnte so wollte ich noch immer erst auf den Treppen des Heiligtums die Geschichte des Gegenreiches gestalten Anfang April 1935 kommt es zu einer Begegnung mit dem letzten deutschen Kaiser Wilhelm II der Schneiders Hohenzollern Buch kennt und den Schriftsteller zu einem Gespräch nach Doorn einlädt Der Besuch den ich morgen vorhabe schreibt Schneider an Anna Maria Baumgarten erscheint mir als das melancholischste Ereignis eines melancholischen Lebens Überall zu spät überall auf Gräbern und Trümmern und eingesargten Herzen Noch einen anderen aufmerksamen Leser findet das Hohenzollern Buch im Jahr 1935 den zu dieser Zeit noch weithin bekannten Leopold Ziegler der sich gegenüber Jakob Hegner anerkennend über Schneider und sein Buch äußert Hegner reicht das Lob an den Autor weiter dem Ziegler durchaus ein Begriff ist und der sich am 20 August 1935 mit einem kurzen Brief bedankt und seine sehr große Freude darüber zum Ausdruck bringt von Ihnen anerkannt zu werden Vor vielen Jahren schreibt Schneider lange bevor ich mit meiner Arbeit begann hörte ich Sie einmal in der Dresdner Goethe Gesellschaft über Technik sprechen der Abend ist mir unvergeßlich geblieben und ich denke sehr oft daran zurück die außerordentliche Schönheit des Vortrags wie auch das Gesagte selbst sind mir sehr deutlich gegenwärtig Ich wollte dies nur mitteilen um anzudeuten daß eine persönliche Wirkung besteht Ziegler antwortet am 26 August Über Ihre gütigen Zeilen habe ich mich aufrichtig gefreut Daß Sie sich meines dresdner Vortrages vor neun Jahren noch entsinnen kommt mir fast vor wie Memoiren aus einem Totenhause so fern liegt jene Zeit hinter mir und das was mir damals noch wichtig erschien Im folgenden Monat liest Ziegler als zweites von Schneiders Büchern den Philipp und schreibt dem Autor unter dem Eindruck der Lektüre Ihre Gabe sich mit den geschichtlichen Gestalten aber jeweils auch mit den geschichtlichen Ereignissen zu identifizieren ist eine ganz seltene und fast einzigartige sobald man Ihre Bücher auch nur begonnen hat findet man sich so unwiderstehlich an einen Geschehensstrom angeschlossen daß man mit fast schmerzhafter Intensität weiter lesen muß Die Vorgänge und Personen werden gelegentlich ins Symbolische gesteigert und dies etwa so zwingend daß sich ein an sich unbedeutendes Ereignis in seiner unabsehbaren Sinnbildlichkeit für immer einprägt wie die kleine Szene zu Beginn des Buches von dem abdankenden Kaiser der sich beim Verlassen des Schauplatzes auf den jungen Oranien stützt Im übrigen gibt gerade Ihr Buch über Philipp in einem erschütternden Ausmaße Kenntnis von dem Wandel der Situation in ihrer geistigen Allgemeingültigkeit und Philipp den Escorial Spanien und spanische Katholizität auf solche Weise verstehen heißt recht eigentlich ins Unbetretene einbrechen und wieder eschatologische Luft atmen wie einst Hierüber werden vielleicht dann einmal sprechen dürfen Für heute nur noch dies daß nur ein Dichter von vielen Graden die imaginäre Konfrontation der Heiligen Teresa und des Don Quijote schreiben konnte oder das ganze Buch in Calderons Leben ein Traum ausklingen lassen Das alles sind überzeugende Elemente einer gleichsam transzendierenden Geschichtsschreibung die Sie begründen und die heute wahrscheinlich die alleinig zeitgemäße ist Einem verständnisvolleren Leser seiner Bücher dürfte der junge Dichter bis zu diesem Zeitpunkt nicht begegnet sein Ziegler vermochte Schneiders Intentionen vor allem deshalb so genau zu erfassen nicht eben einfach faßbare Intentionen wie die zahlreichen Mißverständnisse zeigen denen Schneiders Frühwerk begegnet ist weil es auch seine eigenen Intentionen einer negativen Geschichtsphilosophie gewesen sind die mit derselben Radikalität wie Schneiders transzendierende Geschichtsschreibung dem Verhältnis von Religion und Macht transzendentem Sinn und irdischer Ordnung metaphysischer Totalität und zeitlichem Geschehen auf der Spur war einem Verhältnis das von den im Bann des Historismus stehenden Geschichtsphilosophen bis hin zu Spengler niemals hinreichend reflektiert worden war III Auch Ziegler ist badischer Herkunft er wird am 30 April 1881 in Karlsruhe geboren Und wie Schneiders so sind auch seine Eltern unterschiedlicher Konfession der Vater katholisch die Mutter evangelisch Der Vater ein Kaufmann der ein Bilderrahmengeschäft betreibt stirbt bereits 1893 in seinen frühen Vierzigern an Tuberkulose Von ihm hat Ziegler wie er später vermutet die Abneigung gegen alles Militärische geerbt Die ohnehin enge Bindung des sensiblen und verträumten Leopold an die Mutter Magdalena Ziegler 1856 1936 Tochter des Großherzoglichen Hofoffizianten Gregor Weiß wird durch den Tod des Vaters noch weiter befestigt Ziegler der von den Eltern wenig geistige Anregung und Förderung erhält ist ein schlechter Schüler Er wird vom humanistischen Gymnasium wo der Lateinlehrer ihm bescheinigt er tauge wohl höchstens zum Kaufmann auf die Realschule verwiesen und muß dort ein Schuljahr wiederholen Damals kam mein Leben auf ein falsches Gleis erinnert er sich später und noch heute neide ich dem absolvierten Pennäler seine Humaniora ich weiß nicht ob mit oder ohne tiefere Gründe Ziegler entdeckt in diesen Jahren auf eigene Faust jene geistige Welt die Elternhaus und Schule ihm vorenthalten Vor allem Wagners Oper und Schopenhauers Philosophie wecken seine Begeisterung Seinen Mitschülern geht er aus dem Weg schließt 1896 aber Freundschaft mit dem drei Jahre älteren Karl Hofer dem Maler einem sehr selbständigen und rebellischen Charakter Wir trafen des öfteren zusammen schreibt Hofer in seinen Lebenserinnerungen und schwelgten in künstlerischen Träumen und phantastischen Vorstellungen die sich um das Theater die Oper und um Dinge der Kunst im allgemeinen drehten Auch Ziegler hat später gerne an diese Zeit zurückgedacht besonders an die gemeinsam veranstalteten schwärmerischen Musikabende zu denen desöfteren auch der junge Alfred Mombert erscheint Hofers frühe vom Symbolismus inspirierte Zeichnungen und Graphiken beeindrucken Ziegler In dem autobiographischen Text Mein Leben heißt es dazu Hier trat mir der Maler als schlechthin dämonisches Element entgegen von einer unterbewußten Bildervorwelt Bilderurwelt unheimlich verzaubert und behext aus tiefsten Schichten ältesten Schichten der Menschenseele aufsteigend gibt sie beklemmende Kunde von einer Vergangenheit die sonst nur noch in Träumen vom Spiegel des Bewußtseins aufgefangen wird Es sind nicht zuletzt die Produktivität Hofers und die Entschiedenheit mit welcher dieser einer Existenz als freier Künstler zustrebt die in Ziegler den Wunsch befestigen als Philosoph es dem Freund gleichzutun Während seines letzten Jahrs an der Oberrealschule erfährt Ziegler von einem Privatissimum welches der Philosoph Arthur Drews an der Technischen Hochschule in Karlsruhe über die Erkenntnislehre Eduard von Hartmanns hält und bittet obwohl noch nicht Student erfolgreich um Zulassung Hier lernt er nun das Unbewußte kennen das es ihm erlaubt im Zeichen jenes Archaischen zu philosophieren das ihn an Hofers Bildern ebenso fasziniert wie an Wagners Oper Ziegler wird zum glühenden Jünger Hartmanns und Drews der große Hoffnungen auf seinen jungen Schüler setzt ist davon so begeistert daß er ihn dazu ermuntert das früher so gehaßte Latein nachzuholen und Philosophie zu studieren Aber mehr noch er schürt in Ziegler das Bewußtsein eine Mission im Leben zu erfüllen zu haben wie es in einem Brief vom 8 Februar 1903 heißt und rät ihm zur Beschäftigung mit Fichte Hegel und Schelling Plotin Meister Eckhart und Nietzsche allesamt Philosophen die von dem damals vorherrschenden professoralen Neukantianismus vernachlässigt werden und in überaus schlechtem Ruf stehen Bereits 1902 und 1903 erscheinen als erste Bücher Zieglers Zur Metaphysik des Tragischen und Das Wesen der Kultur letzteres durch Vermittlung von Drews im Diederichs Verlag wo 1905 auch eine umgearbeitete Fassung von Zieglers Dissertation unter dem Titel Der abendländische Rationalismus und der Eros veröffentlicht wird Der Plan sich zu habilitieren scheitert an der Ablehnung der philosophischen Fakultät in Freiburg wo man Ziegler offensichtlich nicht ernst nimmt Es folgen Jahre einer tiefen Krise Die nahezu völlige Wirkungslosigkeit seiner Bücher wird von Ziegler wie er am 18 Januar 1906 an Hofer schreibt als Leichenbegräbnis bei lebendigem Leibe empfunden Ein Jahr später heißt es angesichts der gescheiterten Habilitation in einem Brief an den Freund Wenns so weitergeht hab ich alle Hoffnung so ein verpfuschtes Dasein zu werden wie man sagt Doch schmerzlicher noch ist für ihn daß er auch philosophisch im Denken selbst sich seiner Sache nicht mehr sicher ist Er hat eine Zeit tiefer Orientierungslosigkeit zu überstehen Leider habe ich nämlich im vergangenen Winter erkennen müssen schreibt er am 12 April 1907 an Hofer daß meine bisherigen Bestrebungen auf einem vollkommen falschen Fundament aufgebaut waren Wenn ich so weitergemacht hätte wäre ich irgendwo im Bodenlosen geendet es war gerade die höchste Zeit daß ich einsah wozu das führt Und so mußte ich buchstäblich von vorn anfangen ein Prozeß in dem ich noch begriffen bin Meiner so durchaus aufs Positive gerichteten Natur war dies höchst beschwerlich und ich habe derart eine schier unerträgliche Zeit hinter mir Die wichtigste Stütze während dieser Zeit findet Ziegler in seiner Verlobten Johanna Keim doch ist auch dieses Verhältnis überschattet von Problemen denn Johannas Vater der von Ziegler nicht viel hält und Leopolds Mutter die sich von ihrem Sohn nicht lösen kann versuchen bis zuletzt die Heirat der beiden zu verhindern umso mehr als Ziegler im Sommer 1907 schwer erkrankt und nach Meinung der Ärzte die zunächst Muskelschwund diagnostizieren nicht mehr lange zu leben hat Doch die Heirat wird durchgesetzt und wenig später stellt sich heraus daß es sich bei der Krankheit nicht um Muskelschwund sondern um eine Hüfttuberkulose handelt Es ist dieselbe Krankheit an welcher der Vater so früh gestorben war Doch Ziegler erholt sich wenn auch sehr langsam und mit dauerhaft geschädigtem Hüftgelenk Von seinem früheren Leben fühlt er sich jetzt wie durch einen Abgrund getrennt Die veröffentlichten Bücher erscheinen ihm als drei elende Frühgeburten und noch viel später hat Ziegler über seine Dissertation gesagt sie sei wohl ebenso schlecht wie ihr Titel Es ist mir oft heißt es in einem Brief vom 21 Dezember 1908 an Hofer als hätte diese schreckliche Krankheit kommen müssen um mir die Augen aufzumachen über die krankhafte geistige Sphäre in der ich früher gelebt habe Ich werde allgemach frei von Übertriebenheiten und Überspannungen meines innern Lebens von jenem unerträglichen Hochdruck eines viel zu entwickelten Ehrgeizes und phantastischer Ideen die in Deutschland wie es scheint manchen aus der Bahn schleudern Ziegler möchte jetzt vor allem eines Zeit haben um die Substanz seines Denkens sich klären zu lassen Das ist ein Prozeß der mehrere Jahre in Anspruch nimmt Seine Frau Johanna unterstützt ihn dabei indem sie für alle Belange des alltäglichen Lebens sorgt Zunächst müssen die Idole seiner Jugend gestürzt werden diesem Zweck dienen das schmale 1910 veröffentlichte Buch Das Weltbild Hartmanns Eine Beurteilung und der in demselben Jahr in der Zeitschrift Logos veröffentlichte Aufsatz Wagner Die Tyrannis des Gesamtkunstwerks Doch Zieglers Arbeit dieser Jahre erschöpft sich nicht in der Kritik Es sind vor allem die weiterhin von seinem Freund Karl Hofer und bald auch von dem Bildhauer Karl Albiker angeregten kunstphilosophischen Reflexionen die Ziegler dazu verhelfen sich einen neuen philosophischen Standort zu erringen von welchem vor allem das 1912 bei Meiner erschienene Buch Florentinische Introduktion Zu einer Philosophie der Architektur und der bildenden Künste Zeugnis ablegt Dieses Buch enthält Ausführungen zum Begriff der künstlerischen Form die in ihrer Klarheit und Schönheit noch heute lesenswert sind Doch beschäftigt sich Ziegler mit der Kunst keineswegs allein um ihrer selbst willen vielmehr geht es ihm darum auf dem Weg der ästhetischen Erfahrung einen umfassenden philosophischen Begriff von Erfahrung überhaupt zu gewinnen Es ist vor allem der Einfluß des Neukantianers Hermann Cohen der sich hier geltend macht Von hier führt ein gerader Weg zu Gestaltwandel der Götter Zieglers groß angelegtem Traktat über den Wandel religiöser Erfahrung in der europäischen Geschichte Es sind entbehrungsreiche Jahre in denen Ziegler an diesem seinem ersten Hauptwerk arbeitet Die Niederschrift dauert von November 1916 bis August 1919 Noch vorher entstehen unter dem Eindruck des Kriegsausbruchs zwei schmalere Bücher wegen denen Ziegler gelegentlich in den Umkreis der sogenannten Konservativen Revolution gerückt wird Der deutsche Mensch und Volk Staat und Persönlichkeit Anfang der zwanziger Jahre erinnert sich Ziegler Der Völkerirrsinn ergriff in seinem ersten Anfall auch mich mehr als es einem Philosophen ziemlich war mit einem Gemisch von Verwunderung und Grauen denk ich an einige Tage zurück wo ich der Suggestion der Masse erlag und selber Masse wurde Bemerkenswert daran ist weniger daß auch Ziegler kurzzeitig von jener epochalen Tendenz ergriffen worden ist die so vielen Schriftstellern dauerhaft das klare Denken geraubt hat sondern daß er zu einem so frühen Zeitpunkt bereits Distanz gewonnen hat und das Geschehene selbstkritisch reflektiert statt es für eine zweifelhafte Ideologie nutzbar zu machen Schon 1918 schreibt er an Walter Rathenau mit dem er in diesen Jahren korrespondiert daß unser aller Irrtum heißt das Volk Und fern davon dem radikalen Nationalismus zu erliegen mit dem so viele Autoren der zwanziger Jahre die deutsche Niederlage zu kompensieren trachten schreibt Ziegler 1925 anläßlich des Erscheinens seines zweites Hauptwerkes Das heilige Reich der Deutschen in einer Selbstanzeige Der gegenwärtige Zustand der Deutschen flößt Besorgnis ein Nicht eigentlich unserer Niederlage wegen und sogar nicht einmal wegen der verheerenden Folgen die eine Niederlage solchen Ausmaßes unabwendbar nach sich ziehen mußte Sondern viel eher darum weil wir noch immer mit jedem Tage der uns von Versailles entfernt die bare Unfähigkeit zu erkennen geben diese Niederlage zu ertragen oder uns mit ihr abzufinden geschweige denn daß wir sie von innen her zu überwinden und auszuheilen lernten Um der drohenden Nachkriegsnot zu entgehen siedeln Leopold und Johanna Ziegler Ende 1918 in die Nähe von Lindau am Bodensee um Sie erwerben dort um sich selbst versorgen zu können einen Bauernhof Johanna ist unermüdlich auf dem Feld mit den Tieren auf dem Markt beschäftigt während ihr Mann letzte Hand an den Gestaltwandel der Götter legt 1920 in erster und zweiter 1922 in dritter Auflage erschienen wird das Buch Zieglers erster größerer Erfolg Den von Nietzsche diagnostizierten Nihilismus als ein in sich religiöses Phänomen zu deuten welches keiner Überwindung in dem Sinne einer Rückkehr zu christlich theologischen Denkformen bedarf ist das Grundanliegen mit dem Ziegler viele Leser für sich einnimmt Dieser Gedanke einer Religion ohne Gott welche einzig imstande sei den Kontakt des modernen Menschen zum verloren gegangenen Heiligen wiederherzustellen wird weitergeführt in dem 1922 veröffentlichten Buch Der ewige Buddho Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen Als Ziegler sich wenige Jahre später mit seinen Büchern Magna Charta einer Schule 1928 und Der europäische Geist 1929 zum Christentum bekennt können ihm viele Leser nicht folgen und werfen ihm einen Bruch mit den früheren Intentionen vor Ziegler indes hat rückblickend stets das Moment der Kontinuität in seiner Entwicklung betont Nimmt man diese Selbstdeutung ernst so wird man den Schlüssel zu dem kontroversen Übergang in den beiden Büchern Das heilige Reich der Deutschen dem zweiten Hauptwerk von 1925 und Zwischen Mensch und Wirtschaft 1927 zu suchen haben Letzteres enthält eine für Zieglers weitere Entwicklung überaus wichtige Auseinandersetzung mit dem Marxismus Gegen dessen Geschichtsphilosophie ein spezifisch christliches Bild von der Geschichte zu formulieren welches als einziges der weltlich überweltlichen Natur und Würde des Menschen entspricht ist geradezu das Hauptanliegen von Zieglers jetzt sich vorbereitender Spätphilosophie welche ganz im Zeichen der Theorie vom Allgemeinen Menschen steht als deren Grundlegung Zieglers drittes Hauptwerk Überlieferung 1936 gedacht ist Zu betonen ist daß Zieglers Weg zum Christentum nicht gleichbedeutend ist mit einem Weg zur Kirche und zu einer konfessionell gebundenen Theologie In Magna Charta einer Schule stellt Ziegler fest daß wir nach einem Christentum oberhalb aller christlichen Bekenntnisse und Kirchen trachten müßten dem abträglichen Machtkampfe kultischer Organisationen ein für allemal enthoben und entrückt und daß dieses angestrebte Christentum jenseits der Konfessionen mit aufrichtiger Unbefangenheit hineinzustellen sei in den größeren Kreis universaler Religionen deren Wettbewerb es so lange ausgesetzt bleibt bis es eines Tages seine behauptete Überlegenheit durch den menschlichen Rang der von ihm erzogenen Völker und Rassen unwiderleglich erhärtet haben wird Den christlichen Kirchen ist nach Ansicht Zieglers aufgetragen die nicht allein sämtliche Gebiete des Lebens sondern auch sämtliche nicht christliche Völkerüberlieferungen umspannende Katholizität des christlichen Glaubens zu erweisen und zu realisieren Ziel ist der bereits in Gestaltwandel der Götter anvisierte Stand des Menschen in der Heiligkeit die Rückverbindung zum noch ungebrochenen heilen Sein dessen Träger als mythischer Erster und Allgemeiner Mensch sämtlichen vorchristlichen Überlieferungen bekannt gewesen sei In der Gestalt Jesu Christi habe dieser mythische Allgemeine Mensch sich leiblich offenbart und der Geschichte ihre geheime Endabsicht ihr Eschaton zugewiesen Nachfolge im christlichen Sinne heißt demnach durch Rückverbindung an den heiligen und überzeitlichen Ursprung der Schöpfung im Allgemeinen Menschen den Stand des Seins wiederherzustellen wobei die Perspektive sich vom Heil des Einzelnen und der Gruppe wie es im Mittelpunkt des vorchristlich heidnischen Verständnisses von Initiation stand ins Menschheitliche und Universale weitet Dies alles ist für Ziegler bereits in den Worten von Augustinus enthalten die er seinem Buch Überlieferung voranstellt denn die Sache selbst welche jetzt christliche Religion genannt wird war auch bei den Alten und mangelte vom Anbeginn des Menschengeschlechtes mit nichten bis Christus im Fleische erschien von da ab begann die wahre Religion die eh und je gewesen die christliche zu heißen Doch beschränkt sich Ziegler keineswegs darauf die Spuren Christi im Alten Testament bei den Griechen und im Vorderen und Mittleren Osten zu suchen seine Untersuchungen sprengen den von der katholischen wie der evangelischen Theologie hier im besonderen der Religionsgeschichtlichen Schule vorgegebenen Rahmen Zieglers wahrhaft universaler Zugriff läßt ihn vielmehr auch die Überlieferungen der Germanen und der Kelten der Inder und der Chinesen der Indianer und der Afrikaner einbeziehen Doch so eigenwüchsig Zieglers Spätwerk sich zeigt sein Buch Überlieferung und die auch für die nachfolgenden Werke so wichtige Idee des Allgemeinen Menschen sind nicht denkbar ohne den Einfluß der sogenannten integralen Tradition in Gestalt des Werkes von René Guénon 1886 1950 Von ihm dem im deutschen Sprachraum noch immer zu wenig bekannten französischen Esoteriker und Religionsphilosophen der 1912 in einen seit dem 13 Jahrhundert bestehenden Sufiorden aufgenommen wurde und bald nach Kairo zog wo er unter dem Namen Abdel Wahêd Yahia bis zu seinem Tod lebte hat Ziegler die Idee einer sämtlichen Völkerüberlieferungen zugrunde liegenden Urüberlieferung übernommen an welcher der Mensch noch der heutigen Zeit auf dem Weg einer réalisation métaphysique teilhaben könne Man könnte Zieglers Spätwerk insgesamt als den Versuch einer spezifisch christlichen Variante der integralen Tradition deuten doch führt ihn gerade die immer stärkere Bindung an das Christentum und dies ist für unser Thema wichtig zu einem Bild der Geschichte und einem Begriff von Geschichtlichkeit die sich mit den Auffassungen Guénons und seiner Anhänger nicht decken ja ihnen in gewisser Weise widersprechen Denn während die Herrschaft der Geschichte der Zeit des Werdens über den Menschen vom Standpunkt der integralen Tradition aus betrachtet nur als Reich des Trugs und des Abfalls von dem eigentlichen überzeitlichen Stand des Bewußtseins im Sein gewertet werden kann wie denn auch der Begriff der Tradition als solcher für Guénon keineswegs die exoterischen Güter zeitlicher Überlieferung sondern allein den esoterischen Bestand der dem Wandel in der Zeit nicht unterworfenen Lehre bezeichnet so führt die Erwartung des einbrechenden Eschaton den Christen umgekehrt dazu gerade in der Geschichte das Feld der Verwirklichung des Absoluten zu sehen ohne den Prozeß dieser Verwirklichung allerdings mit dem zeitlichen Verlauf als solchen gleichzusetzen wie es der Perspektive eines gänzlich säkularisierten Messianismus entspräche Der Notwendigkeit dieser Abgrenzungen entspringt die schwierige Konstellation einer christlichen Geschichtsphilosophie deren Geschichte im 20 Jahrhundert noch nicht geschrieben deren Perspektiven in der Gegenwart noch nicht erschöpft sind Die vier großen Hauptwerke Zieglers die auf den Gestaltwandel der Götter noch folgen Das heilige Reich der Deutschen Überlieferung Menschwerdung Das Lehrgespräch vom Allgemeinen Menschen entspringen der über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten hinweg immer neu ansetzenden und immer tiefer dringenden Meditation dieser Konstellation Daß seine Kraft während all dieser Jahre ungeteilt in sein Werk fließen kann daß er auch äußerlich die Ruhe findet die seine meditative Arbeitsweise erfordert verdankt Ziegler der Gunst von Mäzenen und später von ihm so genannten Wahlsöhnen die ihn seit Anfang der zwanziger Jahre finanziell unterstützen Einer von ihnen schenkt ihm ein Haus in Überlingen am Bodensee das Ende 1925 bezogen werden kann Dort erlebt der fortan in bescheidenen aber gesicherten Verhältnissen lebende Philosoph seine erfolgreichsten Jahre in denen er ein viel gelesener wenngleich auch oft kritisierter Autor ist Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit entfaltet Ziegler jetzt eine umfangreiche Vortragstätigkeit die ihn 1926 auch nach Dresden führt wo der junge Reinhold Schneider ihn seinen Vortrag Die Technik als Werkzeug und Schranke der Menschheit sprechen hört Vehementer als je rücken von nun an auch praktische Fragen der Gesellschaft und der Wirtschaft in seinen Gesichtskreis eine Tendenz die sich 1929 angesichts der Weltwirtschaftskrise noch verstärkt In einem Rundfunkvortrag vom 28 August 1929 anläßlich der Verleihung des Goethepreises dessen dritter Träger nach Stefan George und Albert Schweitzer er wird vertritt Ziegler die Auffassung der Philosoph dürfe sich künftig nicht mehr damit begnügen nur Wächter der platonischen Idee zu sein Und er präzisiert Die wissenschaftliche Arbeit am Begriffe das erkenntnismäßige Begreifen ist für den Philosophen nur noch insofern Hauptgeschäft seines Lebens als sie seinen unmittelbaren Zugriff und Eingriff in die Verhältnisse der Wirklichkeit vorbereitet Nicht die Feststellung dessen was gegeben ist liegt dem eigentlichen Denker ob sondern mindestens ebensosehr die Zielstellung welche das Gegebene in dem tief anzüglichen Sinne des Wortes richtet Das klingt geradezu nach Marx Und doch liegt zwischen der Sichtweise wie sie hier zum Ausdruck kommt und der marxistischen eine unüberbrückbare Kluft die sich kundtut in dem einen unscheinbaren Wort richtet Denn der Philosoph kann nach Ansicht Zieglers keineswegs dann legitimer Richter der gegebenen Verhältnisse sein wenn er die Maßstäbe seines Richtens allein der abstrakt ersonnenen Materie eines historischen Prozesses entnimmt gegenüber welcher alle spezifisch geistigen Verwirklichungsabsichten des Menschen nur ideologischer Überbau sein sollen Die Zielstellung von der Ziegler spricht liegt keineswegs in einer gesetzmäßig sich herstellenden Zukunft als deren Bevollmächtigter der Philosoph sich aufspielen soll sondern in einer übergeschichtlichen und gerade deshalb einer jeden geschichtlichen Gegenwart aufgetragenen und diese Gegenwart je richtenden Idee des ganzheitlichen Menschen wie vor allem Goethe sie konzipiert habe Es liegt in der Logik von Zieglers Argumentation daß diese Idee schon insofern keine platonische ist als sie nicht als unabhängig von ihrer Verwirklichung gedacht werden kann in Wahrheit freilich ist der platonischen Idee die Verwirklichungsabsicht je schon eingeschrieben nur hat sich eben aufgrund der Polemik von Platons größtem Schüler das Mißverständnis eingebürgert die Idee im Sinne Platons sei durch einen chorismos von der Wirklichkeit getrennt Ziegler spricht hier nicht allein als Philosoph sondern auch und vor allem als Christ Die Idee des Menschen der Person im spezifisch christlichen Sinne des Wortes ist von vorneherein eine an die Geschichte vermittelte Idee ja ist die Idee und Geburt der Geschichte selbst welche wenn sie sich ihrem personalen Ursprung und Maßstab gegenüber verselbständigt immerzu tragisch verlaufende Geschichte sein muß Die Implikationen freizulegen die in diesen Grundannahmen beschlossen liegen ist das große Unternehmen von Zieglers Spätphilosophie deren Fundamente Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre in einer großen Anstrengung und Dichte des Denkens sich klären ohne allerdings sogleich mit voller Wucht im Werk sich zu manifestieren Ein erster Abtrag erfolgt erst mit der 1932 veröffentlichten Broschüre Zwei Goethereden und ein Gespräch einer wichtigen Station auf dem Weg zu Überlieferung dem dritten Hauptwerk von 1936 Dort ist Goethes Idee des Menschen um eine entscheidende Dimension erweitert sie erscheint jetzt als die mythisch urgeschichtliche Kategorie des Allgemeinen Menschen im Sinne Guénons und der integralen Tradition Doch zunächst Anfang der dreißiger Jahre stehen noch das Interesse an der Zeitgeschichte und Zieglers Hoffnung im Vordergrund auf den zunehmend als verhängnisvoll empfundenen Gang der Dinge Einfluß nehmen zu können Zu diesem Zweck positioniert sich Ziegler ein früher und klarsichtiger Gegner Hitlers und seiner Bewegung erstmals auch politisch in eindeutiger Weise Unter dem Einfluß Edgar Julius Jungs und seines Buches Die Herrschaft der Minderwertigen formuliert Ziegler die 1931 veröffentlichten Fünfundzwanzig Sätze vom deutschen Staat in denen er dem seiner Ansicht nach verlogenen und von Anfang an zum Scheitern verurteilten Parteienstaat der Weimarer Republik die Idee eines hierarchisch gegliederten Körperschaftsstaates entgegenstellt in welchem das Staatsoberhaupt in direkter Weise vom Volk gewählt werden solle Ziegler trägt diese Ansichten auch dem Reichskanzler Heinrich Brüning vor den er auf Veranlassung des späteren ZDF Intendanten Karl Holzamer trifft Diesem zufolge weisen die Fünfundzwanzig Sätze eine so sinnenfällige Parallelität zu der Gesellschafts und Wirtschaftsenzyklika Pius XI Quadragesimo Anno auf daß Ziegler seine Auffassungen in einer langen Besprechung tête à tête dem Katholiken Brüning darlegen solle Freilich verläuft das Gespräch ebenso ergebnislos wie ein von Edgar Julius Jung in die Wege geleitetes Treffen Zieglers mit Franz von Papen im Frühjahr 1934 Noch jetzt halten Jung und Ziegler es für möglich den Nationalsozialismus in ihrem Sinne umpolen zu können Erst die Ermordung Jungs am 30 Juni 1934 offenbart Ziegler wie trügerisch diese Hoffnungen von Anfang an gewesen sind Ziegler der ernste Konsequenzen auch für sich und seine Frau befürchten muß flüchtet in die Schweiz kehrt aber wenig später nach Überlingen zurück da Jung rechtzeitig alle Briefe Zieglers vernichten konnte und insofern keine direkte Gefahr mehr besteht Doch ist die Zeit der öffentlichen politischen Wirksamkeit jetzt vorbei und Ziegler zieht sich zurück um sein Buch Überlieferung fertigzustellen Es erscheint 1936 im Hegner Verlag und bietet die vorläufige Summe einer negativen Geschichtsphilosophie in deren Intentionen Ziegler sich durch die Begegnung mit Reinhold Schneider und dessen transzendierender Geschichtsschreibung bestätigt fühlen mußte Kein Zweifel darnach so lauten Worte Zieglers welche Schneider 1956 in einer Gedenkrede zum 75 Geburtstag des Freundes zitiert daß der Lebendige Gott seine innergöttliche wahrhaft heilige Geschichte hat die ihm wesenseigen ja dieses Wesen selber ist Kein Zweifel aber auch daß selbige Geschichte niemals zur Auswirkung gelangt in dieser Welt und in ihr Getriebe in ihre Geschicke niemals eingreift bevor die zweite Hypostase nicht in Gestalt des Mittlers Sohnes Ewigen Menschen aus der väterlichen Innergöttlichkeit heraustritt IV Erst gegen Mitte der dreißiger Jahre mit dem jähen Ende von Zieglers politischen Hoffnungen wirkt sich die christliche Wende der Jahre 1927 bis 1929 in direkter Weise auf das erkenntnistheoretische und geschichtsphilosophische Grundgerüst seines Werkes aus Die Grundannahme aber deren Entfaltung das Buch Überlieferung ist steht bereits Ende 1929 fest wie ein Brief Zieglers an Friedrich Gundolf beweist Dieser hatte am 24 November an den Philosophen geschrieben Bei der Lesung Ihrer Bücher gilt es für Menschen meiner Anlage nicht nur das freudige Gewahrwerden Ihrer ungeheuren Wissensfülle und Ihrer Gewalt darüber sondern auch Freude und Kampf zugleich die Bewährung der Geschichts bilder vor der Geschichts weisheit vor der philosophischen Perspektive worin sie Ihnen erscheinen Der uralte Kampf zwischen Philosophie und Historie verwandt mit dem zwischen Philosophie und Dichtung oder zwischen Sinnsprache und Bildsuche wird durch Sie wieder wach und hell durch einen Philosophen der die Geschichte genauer weiß als Historiker Philosophie zu kennen pflegen wenn sie überhaupt ihrer mächtig oder ihr hörig sein dürfen ohne Gefahr des historischen Sinns Was der Historie droht wenn ein Philosoph sich ihrer als Zeichensprache bedient für die Aufhebungsakte der Historie hat Hegel selbst noch Nietzsche gezeigt In Ihrem Gestaltwandel der Götter bekundet sich eine Geschichtskenntnis eine Geschichtszärtlichkeit fast wie sie sogar bei Fachhistorikern selten bei Philosophen ohne Beispiel ist und dennoch wollen auch Sie damit nicht die Gegenwart der Historienbestände sondern deren Aufhebung in den transcendenten Grund Ziegler antwortet darauf am 30 November In einem bestimmten Stadium meiner Arbeit mußte es mir auffallen daß die Geschichte als solche immer wieder bewegt und fortgetrieben werde durch ihrer Intention nach über und außergeschichtliche Momente die nur als Einbruch in sie deutbar werden oder wenn Sie wollen als Aufhebung Seither beginne ich zu ahnen warum ich immer mit innerer Zwangsläufigkeit in der Geschichte nach den Einkörperungen geschichtsjenseitiger Mächte suchen und suchen mußte Indem ich so verfuhr zum Ärgernis des berufenen Geschichtsschreibers und in den Konsequenzen auch des Wissenschaftlers überhaupt gehorchte ich einer Duplizität der Tendenzen in die mir auch sonst alles Lebendige auseinanderbricht um freilich von ihr aus auch zur Einheit wenn nicht des Seins so doch des Geschehens zu verwachsen Diese Äußerung ist der Schlüssel zu der gesamten negativen Geschichtsphilosophie Zieglers Wenn es in einem Brief vom 8 Oktober 1935 an Reinhold Schneider heißt dieser werde in Überlieferung auf Gedankengänge stoßen die es begreiflich machen warum heute die Geschichte der Säkularisation verfällt so steht dahinter ein Bild von der Geschichte das uns nicht auf Anhieb verständlich sein kann wenn wir uns innerhalb der herkömmlichen im Wesen noch historistischen Dichotomie von historischem und unhistorisch mythischem Bewußtsein bewegen Bücher wie Kosmos und Geschichte von Mircea Eliade haben in dieser Hinsicht dogmatisierend gewirkt und verstellen uns den Blick darauf daß Geschichte und Zeitlichkeit im christlichen Sinne sich überhaupt erst an der ständigen seinshaften Gegenwärtigkeit Jesu Christi und an dem Auftrag der Nachfolge entzünden In den ungeheuren Gedanken einer Säkularisierung der Geschichte der sich in ganz ähnlicher und vor allem in noch ähnlich unausgeschöpfter Weise bei Walter Benjamin findet worauf nachdrücklich Sigrid Weigel hingewiesen hat schießt in seiner ganzen Tiefe das gesamte christliche Bild von der Geschichte ein dessen Dreh und Angelpunkt die von den heutigen Christen leider zumeist schmählich ignorierte ja in abgründiger Weise gehaßte Lehre von der Erbsünde ist Vor diesem Hintergrund ist hochinteressant daß Ziegler sich an einer unscheinbaren Stelle seines vierten Hauptwerks Menschwerdung an dem er von 1937 bis 1944 in völliger Zurückgezogenheit gearbeitet hat als Semipelagianer bezeichnet sich also mit einem Fuß auf den Boden der im Jahr 529 von der katholischen Kirche verurteilten Lehre stellt wonach Adams Übertretung den Leib und die Seele des Menschen nicht gänzlich wie es der augustinischen Lehre entspräche zum Schlechteren gewandelt habe und wonach der Glaube kein Geschenk der Gnade sondern eine natürliche Anlage des Menschen sei In einem bestimmten Sinne hält Ziegler an der Möglichkeit und Notwendigkeit einer solchen theologia naturalis fest Er bestreitet aber nicht die unumstößliche Wirklichkeit der Erbsünde die sogar zu den zentralen Motiven seiner Spätphilosophie gehört Alles was Ziegler zur Geschichte zu sagen hat ergibt sich aus seinem Semipelagianismus sofern seiner Ansicht nach Geschichte eben keine Maschine ist welche das Heil auf naturnotwendige Weise aus sich heraus produziert sondern der an den Einzelnen und an die Völker ergehende Auftrag das beschädigte Bild Adams durch das Erwachen zu Christo wiederherzustellen und auf diese Weise das Ende der Geschichte durch die Erfüllung ihres Sinns herbeizuführen Der horizontale Ablauf der Zeit gründet in der vertikalen Dimension einer réalisation métaphysique die das Ende der Zeit immer schon vorwegnimmt Es gibt kein Christentum ohne diese apokalyptische Dimension von Zeit und Zeitlichkeit Damit ist der sich überkonfessionell verstehende Semipelagianer Ziegler aber katholischer als ein Katholizismus der ohne Erbsünde und damit ohne Kreuz auszukommen meint der das Geheimnis der Inkarnation auf einen Akt der Solidarität reduziert und der die bloße Natur des Menschen auf Kosten der übernatürlichen Gnade absolut setzt Das Wesen der säkularisierten Geschichte ist der Naturzustand als Hölle Walter Benjamin hat das Anfang der 20er Jahre in die Ruinenlandschaft des Barock hineingesichtet zehn Jahre später konnte es jeder nicht vorsätzlich Verstockte unmittelbar dem Zeitgeschehen entnehmen Angesichts dessen wurde die 1935 beginnende Freundschaft zwischen Schneider und Ziegler von letzterem mitunter als eine mystisch apokalyptische Gemeinschaft gefeiert so etwa wenn es in einem Brief noch desselben Jahres heißt Es ist eigentlich erschütternd in welchem Gleichsinn sich heute die paar letzten Menschen dieses Äons zusammenfinden Auf diese Weise dürfte er durchaus dazu beigetragen haben daß sein Freund im Jahr 1937 zurück zur Kirche fand und damit einen Weg ging den Ziegler sich selbst versagt hat und wohl auch versagen mußte In ihrer Grundentscheidung einer auf fanatische Weise sich und ihre konkreten Hervorbringungen absolut setzenden Zeit gegenüber in ultramontaner Weise die Zone des inneren Vorbehalts geltend zu machen sind Ziegler und Schneider sich jedenfalls einig Hier tut sich kund was der Schriftsteller Martin Mosebach in einem jüngst erschienenen Beitrag für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel die katholische Mentalität genannt hat und in der Tat wäre zu zeigen daß Ziegler in seinem Spätwerk dem Katholizismus sehr viel näher steht als dem Protestantismus mit einem kleinen Teil des Bewußtseins nicht Deutscher nicht Zeitgenosse nicht Erdenbürger zu sein Die hämischen Reaktionen die dieser Artikel in einem Teil der deutschen Feuilletonwelt geerntet hat versetzen in Erstaunen Mit einem Schlag tritt in solchen Augenblicken das ganze am Grund einer verlogenen Scheinwelt lauernde totalitäre Potential derer hervor die sich nach eigenem Urteil nichts vorzuwerfen haben Auch das Bewußtsein der Zeitgenossenschaft zu entkommen kommentierte etwa Christian Geyer in der FAZ kann doch nie anders denn als Zeitgenosse gewonnen werden Wie sollte das möglich sein sich aus höherer metaphysischer Einsicht aus seiner Zeitgenossenschaft zu stehlen aus den Bezügen von Recht und Kultur und Politik und sei es mit einem klitzekleinen Bewußtseinszipfel nur An solche Zipfel hängen sich Esoteriker aller Couleur politische Romantiker und hohnlachende Dezisionisten Wir hätten keinerlei Neigung uns noch lange mit den Resten mittelalterlicher Dogmatik herumzuschlagen denn die ist durch das Fortschreiten und die Veränderung der Geschichte die er offenbar aus völliger Verblendung seines geistigen Auges nicht bemerken konnte mehr als widerlegt worden Das ist nicht etwa wie man glauben könnte die Fortsetzung des Kommentars sondern ein gegen Reinhold Schneider polemisierender Artikel von 1938 aus dem Völkischen Beobachter An den Bewußtseinszipfel der sich Dienst an der Zeitgenossenschaft nennt hängen sich eben Gutmenschen und Gleichschalter aller Couleur Ihre Argumente gleichen stets der Polemik mit der Carl Schmitt sich in seinem Leviathan Traktat gegen die kleine umschaltende Gedankenbewegung aus der jüdischen Existenz heraus gewendet hat die Spinoza in die politische Theologie von Thomas Hobbes eingeschleust habe Mit dem Unterschied allerdings daß Carl Schmitt sich 1938 wenn auch in verdeckter Weise mit seinem Erzfeind Spinoza identifiziert hat also selber dem Leviathan mit jenem inneren Vorbehalt begegnen wollte den er bei Spinoza verwirft Ziegler und Schneider haben sich daran gilt es also auch heute noch zu erinnern viel deutlicher entschieden ihr geistiges Zentrum liegt in der das Immanente freilich durchwirkenden Transzendenz in der Judentum Christentum und Islam gemeinsam ihre Wurzel und Heimat haben und die zu tradieren der einzige Sinn einer Überlieferung Kabbala ist die sich niemals auf die Ebene der bloßen Werte reduzieren läßt ohne durch solche Bemühungen rein weltlich humaner Sinngebung bereits im Innersten zerstört zu sein V Nach Überlieferung kann 1937 noch ein weiteres Buch Zieglers erscheinen Es heißt Apollons letzte Epiphanie und greift die kunstphilosophischen Betrachtungen der Jugendzeit neu auf um sie in den Zusammenhang der in den Hauptwerken entfalteten Religionsphilosophie einzufügen Danach verstummt Leopold Ziegler für die gesamten langen Jahre die die Herrschaft der Nationalsozialisten noch währt Sieben Jahre lang bis 1944 arbeitet er an seinem zweibändigen vierten Hauptwerk Menschwerdung einer Auslegung der sieben Bitten des Vaterunser die allerdings erst 1948 veröffentlicht werden kann Von Schneider erscheint 1938 die berühmt gewordene Erzählung Las Casas vor Karl V Die Schilderung des Kampfes des Dominikaners Bartolomé Las Casas gegen die Unterdrückung der lateinamerikanischen Ureinwohner ermöglicht es dem Dichter öffentlich gegen die Verfolgung der Juden zu protestieren Nach einem zurückgezogen in einem einsamen Schwarzwalddorf verbrachten Jahr und seiner dort vollzogenen Rückkehr zur Kirche siedelt Schneider nach Freiburg um wo er bis zu seinem Tod wohnen wird und wo in den Kriegsjahren jene vielen Sonnette und kleinen religiösen Schriften entstehen die in Abschriften und Privatdrucken von Hand zu Hand gehen und zahlreichen Menschen Stütze und Trost sind Das Veröffentlichungsverbot das 1941 gegen ihn ausgesprochen wird wird von Schneider immer wieder geschickt unterlaufen Doch wichtiger noch als seine ungeheure Produktivität ist ihm der tragende Grund der sie allererst ermöglicht das was Schneider wiederholt als betende Existenz beschrieben hat In ihr wissen sich Schneider und Ziegler die im März 1938 einander zum ersten Mal auch persönlich begegnen während dieser Jahre am innigsten verbunden Denn auch Zieglers Existenz dieser Jahre war eine betende wovon nicht zuletzt die wunderbaren Seiten Zeugnis ablegen die das Buch Menschwerdung dem Thema des Gebets widmet Das negative transzendierende oder tragische Bild von der Geschichte bleibt das Leitthema des Briefwechsels von Ziegler und Schneider So schreibt der Philosoph am 2 November 1936 unter dem Eindruck der Lektüre von Schneiders Inselreich Es war hoch an der Zeit daß einer dem verwirrten Abendlande sagt Geschichte ist Schuld und Empörung und Abfall Das Buch zeige zum erstenmal einen Weg Geschichte aus sich selbst heraus zu überwinden und Ziegler fügt hinzu Gewiß das wird nie Sache der Völker sein sondern der Einzelnen und Berufenen Und es scheint mir die existentielle Frage an die vermutlich ferne Zukunft ob einmal diese Überwinder der Geschichte zugelassen werden ihrerseits Geschichte zu machen und damit der Geschichte ein neues Gesicht zu geben In Das heilige Reich der Deutschen hatte Ziegler den Friedenskaiser Heinrich III als einen solchen Überwinder der Geschichte gefeiert Schneider antwortet am 23 November 1936 Es ist mein ganzes Bestreben das Geschichtliche der Vergewaltigung durch das Politische zu entreißen und zu zeigen wie das Übergeschichtliche durch das Geschichtliche wirke Auch und gerade in Zieglers Werk vernimmt Schneider die Antwort die der

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